Digitale Zwillinge oder Avatare, also virtuelle Abbilder von Verstorbenen, eröffnen neue Möglichkeiten, Erinnerungen zu bewahren – und werfen zugleich tiefgreifende ethische, psychologische und ökonomische Fragen auf. Die Idee, mit einem geliebten Menschen sprechen zu können, auch wenn dieser längst tot ist, fasziniert viele und erscheint tröstlich. Gleichzeitig erscheint es als unheimlich, mit einer Person zu sprechen, die nicht mehr auf dieser Erde weilt: Die Stimme klingt vertraut. Warm, ruhig, ein wenig ironisch, wie immer. Sie erzählt Anekdoten aus einem längst vergangenen Urlaub – wie die Frau vor dem Bildschirm als kleines Mädchen bei einer Bergwanderung auf einer glitschigen Brücke dermaßen herumturnte, dass es fast in den kalten Bach gestürzt wäre. Gerade rechtzeitig konnte ihr Vater sie noch halten. … =>
Zwischen Trost und Täuschung
Wollte sie mit ihm Kontakt aufnehmen? Auf ein Selbstporträt des amerikanischen Fotographen William H. Mumler schmuggelte sich bereits um 1860 eine verschwommene Frauengestalt. Sie war gar nicht bei der Aufnahme dabei gewesen. Zunächst glaubte Mumler darin den Geist seiner verstorbenen Cousine zu erkennen: Wollte sie mit ihm über das magische Medium der Fotoplatte in Verbindung bleiben? Nach dem ersten wohligen Grusel erkannte der Profi: Es war eine versehentliche Doppelbelichtung einer Fotoplatte, die er nicht gründlich gereinigt hatte. Kein Porträt einer Toten, dafür die Geburt einer Geschäftsidee. =>
30 Jahre nach dem Bürgerkrieg in Bosnien
Gedenkstätte und Friedhof von Screbrenica heute. Dort wurden im Juli 1995 rund 8.000 Jungen und Männer ab 13 Jahren in einer UN-Schutzzone, in der mehrere Zehntausend Geflüchtete Schutz gesucht hatten, systematisch ermordet. Foto von Exhumierungen der ursprünglich nur verscharrten Toten durch Angehörige um 2001, dokumentiert im „Genozid“-Museum Sarajevo. Und weitere Bilder auf einer Foto-Seite: =>
Tätige Ökumene in der Tradition von Nizäa
Die Kirche müsse ihren Worten über Ökumene und Einheit endlich Taten folgen lassen – das war der Tenor der Sechsten Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung, die Ende Oktober im ägyptischen Wadi El Natrun stattfand. Rund 400 Delegierte aus allen Weltregionen und Konfessionen, die im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) zusammengeschlossen sind, kamen dort zusammen, um über den Weg der weltweiten Christenheit in Zeiten von Konflikt und Spaltung zu beraten. Die Konferenz stand im Zeichen des 1.700. Jubiläums des Konzils von Nizäa (325 nach Christi), … =>
Rezept gegen das Hamsterrad der Hetze
Die Äpfel liegen vor mir auf dem Tisch, rund und still. Dabei tragen sie die Kraft der Jahreszeiten in sich: die hoffnungsvollen, leichten Frühlingsblüten und die Wärme des Sommers, die Erinnerung an den Tau des Morgens und die raue Rinde des Baums. Und den Glanz des Herbstes, den letzten Gruß der Sonne, bevor das Jahr sich schließt. Beim Schneiden steigt ein feiner Duft auf: süß und herb zugleich. Es riecht nach Kindheit und nach gedämpftem Licht. Die Früchte verlieren ihre Schale, doch ihr Wesen bleibt und zeigt sich nun unverhüllt. In der Mitte das Kernhaus, eine sternförmige Erinnerung daran, dass jedes Ende auch Anfang ist. =>
Trip ins Dickicht – zu den Grenzen des Erzählens
Will ich das lesen? fragte ich mich, als ich hörte, welches Buch in diesem Jahr den Deutschen Buchpreis gewonnen hatte. Dorothee Elmigers „Die Holländerinnen“ sei „ein faszinierender Trip ins Herz der Finsternis“, so die Jury. In diesem Buch folgt eine Gruppe Medienschaffender der Einladung eines angeblich bedeutenden aber ungenannten Theatermachers. Sie begeben sich auf die Spuren zweier holländischer Rucksacktouristinnen, die im mittelamerikanischen Urwald verschwunden sind – und verlieren sich selbst im Dickicht. „Eine beunruhigende Geschichte von Menschen und Monstren, von Furcht und Gewalt, von der Verlorenheit im Universum“ soll es sein, so die Ankündigung des Buches. … =>
Vom Aufruhr zur Einkehr
„Je näher an Wittenberg, desto schlimmer die Christen.“ Mit diesen beißenden Worten begann Valentin Ickelsamer seine Abrechnung mit der Reformation. Was Luther und seine Mitstreiter einst Rom vorgeworfen hätten, gelte längst auch für sie selbst, schrieb er 1525 in seiner Flugschrift „Clag etlicher brüder“. Während Luther, in seiner Stube Bier trinke, so Ickelsamer, hungerten draußen die Armen. Seine Worte waren Sprengstoff – und sie trafen mitten in eine Zeit, in der Glauben, Macht und Aufruhr ein explosives Gemisch bildeten. Im März 1525, als die „Clag“ erschien, stand auch Ickelsamers Heimat Rothenburg ob der Tauber am Rand des Abgrunds. Überall gärte der Zorn der Bauern, die gegen Unterdrückung und kirchliche Bevormundung aufbegehrten. =>
Pfade der Vergänglichkeit neu erforschen
Ihre Kunst erblüht in den Farben des Herbstes – Brauntöne überwiegen. Schließlich gehören getrocknete Blätter zu den wichtigsten Elementen, aus denen Anna Hielscher schöpft – daneben aber auch welke Blüten oder Nussschalen. Wichtig ist der Nürnberger Künstlerin jedoch: Nichts darf den Bäumen oder Blumen gewaltsam entrissen werden. Also heißt es abzuwarten, bis die Natur ihre Schätze selbst schenkt. Gerade in diesen Wochen wird Hielscher reich bedacht: Dann sammelt, presst und konserviert sie diese Kostbarkeiten, die zu ihren – und unseren – Füßen liegen, aber oft unterwegs übersehen werden. Sie schafft aus ihnen kleine Schmuckstücke … =>
Was können wir uns noch leisten?
Es ist der große Verlierer – ganz hinten am Ende des Alphabets: Das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Nach dem aktuellen Beschluss des Bundestages erhält es im Bundeshaushalt 2025 (der endlich verabschiedet wurde) rund 910 Millionen Euro und 2026 noch einmal gut 360 Millionen Euro weniger: Dann erhält es knapp zehn Milliarden: Der Etat ist im Vergleich zu 2024 um gut elf Prozent gesunken. Das klingt immer noch nach schwindelerregenden Summen. Doch das Verteidigungsministerium erhält 2026 einen Etat von mehr als 80 Milliarden Euro, mit Zuwächsen von über 30 Prozent – das Sondervermögen kommt noch hinzu. Warum alle diese trockenen Zahlen anstatt einer fröhlichen Geschichte zum lockeren Auftakt? =>
Mit Geduld und Mut zum Erntesegen
Um die Nuss zu knacken, braucht es einen langen Atem – und gleichzeitig Wagemut. „Sieben bis neun Jahre“, so Martin Stiegler, müssen die Haselnussbäume erst einmal ausreichend wachsen, bevor die allererste Ernte ansteht. So lange musste er sich auf seinem Hof in Gonnersdorf bei Cadolzburg gedulden. Erst dann konnte er erleben, ob seine Idee überhaupt ausreichend Früchte trug. Der junge Landwirt konnte sich nur auf eins verlassen: auf den Rückhalt in seiner Familie, deren Bauernhof er nun weiterführt. … =>
