Wegweiser zum wahren Licht

Chefredakteurin Susanne Borée, Februar 2024„Ich muss weniger wichtig werden“: Wann haben Sie einen solchen Satz zuletzt gehört? Die Botschaften unserer Zeit klingen anders. Sie werben für Sichtbarkeit, Einfluss und Selbstverwirklichung. Johannes der Täufer setzte dagegen: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Joh 3,30). Nun, an den hellsten Abenden des Jahres, steht sein Gedenktag – Johannis – an.  Dieser Satz provozierte nicht nur zu seiner Zeit: Jemand, der seine Wirkung selbst in den Schatten stellt erscheint schnell als eine Person, der es an Selbstbewusstsein mangelt.  Wer sichtbar bleiben will, muss immer glanzvoller im Mittelpunkt stehen. Und vor allem an der eigenen Marke weiter arbeiten. Der Täufer hatte bereits Profil gewonnen – als etwas verwahrloster, aber asketischer Rufer in der Wüste. =>

Kartenspiel der Ideen zur Kirchennutzung

Chefredakteurin Susanne Borée, Februar 2024Von „B“ wie „Bienenstöcke aufstellen“ bis „Y“ wie Yoga-Matten ausrollen reicht das Alphabet der Ideen. Das Kartenspiel „Kirche Frei“ der Stiftung KiBa zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler schlägt darin kreative, bisweilen provozierende Ideen für Gotteshäuser vor, die immer seltener genutzt werden. Viele Kirchen haben schließlich genug Platz zum Tanzen und für Sport. Oder sie können als Kinosaal und Begegnungsort dienen.  Die Ideen sind sicherlich originell: Aber möchte ich wirklich zur nächsten Sitzung meines Kirchenvorstandes mit diesem Kartenspiel in der Hand aufkreuzen? Schließlich sind Gotteshäuser nicht nur Gebäude – sie sind aufgeladen mit Geschichte, Glauben und Identität. Und doch werden sie allzu oft nur wenige Stunden pro Woche genutzt. Hier liegt die Herausforderung: zwischen Bewahrung und Aufbruch neue Wege zu finden.  … =>

Immer mehr sehen – und immer weniger spüren

Chefredakteurin Susanne Borée, Februar 2024Vor grauem Hintergrund kniet ein Beobachter. Die Kamera im Anschlag, sein Blick auf das gerichtet, was er festhalten will: eine unscheinbare Blume. Nur ihre Blüte gibt diesem Graffito des Straßenkünstlers Banksy Farbe. Um sie besser zu erfassen, zieht der „Kameramann“ an ihrem Stängel. Ganz scheint er in dieser einen Berufung aufzugehen. Nach Ostern war ich einige Tage in Madrid unterwegs. Zwischen den großen Zeugnissen vergangener Blütezeiten führte mich mein Weg auch in das „Banksy“-Museum. In einer ehemaligen Garage sind dort seine Werke als lebensgroße Reproduktionen zu sehen – eingebettet in nachgebaute Straßenszenen. Ein Ort, der Blicke verändert. =>

Beharrliches Unkraut kehrt zum Leben zurück

Chefredakteurin Susanne Borée, Februar 2024Bald kommt er wieder – der Löwenzahn in unserer Einfahrt! Dessen bin ich gewiss! Zwischen den Fugen schiebt er immer wieder seinen Halm empor – egal, was ich dagegen tue. Ob ich ihn mit dem Fugenkratzer zu Leibe rücke oder mit kochend heißem Wasser, das ist ganz egal. Irgendwo überdauert tief unter den Pflastersteinen seine Wurzel – und die Pflanze feiert nach einigen Wochen wieder fröhlich Auferstehung.  Kein noch so harter Winter kann sie endgültig zerstören: Sie treibt im Frühjahr wieder aus. Oder vielleicht überdauern nur die Samen und es ist schon die x-te Generation, mit der ich wieder den Kampf aufnehme, sobald der Frühling beginnt? Ich weiß, ich könnte auch hochrüsten … =>

Am Ende allein – muss das sein?

Chefredakteurin Susanne Borée, Februar 2024„Einsamkeit vermeiden“ – das einfachste Rezept für eine halbwegs gutes Sterben, um nicht der kalten Logik der Apparate ausgeliefert zu sein, meint Medizinethikerin Alena Buyx. Welches medizinische Handeln ist noch sinnvoll oder verursacht zu viele Schmerzen.  Da können die Angehörige für den Kranken sprechen. Ehepartner stehen inzwischen sowieso füreinander ein. Da hilft es, sich zuvor auch über die jeweiligen Vorstellungen an der Grenze ausgetauscht zu haben. Andere nahestehende Menschen lassen sich durch eine Vorsorgevollmacht in diese Aufgabe einsetzen. … =>

Rezept gegen das Hamsterrad der Hetze

Chefredakteurin Susanne Borée, Februar 2024Die Äpfel liegen vor mir auf dem Tisch, rund und still. Dabei tragen sie die Kraft der Jahreszeiten in sich: die hoffnungsvollen, leichten Frühlingsblüten und die Wärme des Sommers, die Erinnerung an den Tau des Morgens und die raue Rinde des Baums. Und den Glanz des Herbstes, den letzten Gruß der Sonne, bevor das Jahr sich schließt.  Beim Schneiden steigt ein feiner Duft auf: süß und herb zugleich. Es riecht nach Kindheit und nach gedämpftem Licht. Die Früchte verlieren ihre Schale, doch ihr Wesen bleibt und zeigt sich nun unverhüllt. In der Mitte das Kernhaus, eine sternförmige Erinnerung daran, dass jedes Ende auch Anfang ist.  =>

Trip ins Dickicht – zu den Grenzen des Erzählens

Chefredakteurin Susanne Borée, Februar 2024Will ich das lesen? fragte ich mich, als ich hörte, welches Buch in diesem Jahr den Deutschen Buchpreis gewonnen hatte. Dorothee Elmigers „Die Holländerinnen“ sei „ein faszinierender Trip ins Herz der Finsternis“, so die Jury. In diesem Buch folgt eine Gruppe Medienschaffender der Einladung eines angeblich bedeutenden aber ungenannten Theatermachers. Sie begeben sich auf die Spuren zweier holländischer Rucksacktouristinnen, die im mittelamerikanischen Urwald verschwunden sind – und verlieren sich selbst im Dickicht. „Eine beunruhigende Geschichte von Menschen und Monstren, von Furcht und Gewalt, von der Verlorenheit im Universum“ soll es sein, so die Ankündigung des Buches.=>

Was können wir uns noch leisten?

Chefredakteurin Susanne Borée, Februar 2024Es ist der große Verlierer – ganz hinten am Ende des Alphabets: Das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Nach dem aktuellen Beschluss des Bundestages erhält es im Bundeshaushalt 2025 (der endlich verabschiedet wurde) rund 910 Millionen Euro und 2026 noch einmal gut 360 Millionen Euro weniger: Dann erhält es knapp zehn Milliarden: Der Etat ist im Vergleich zu 2024 um gut elf Prozent gesunken.  Das klingt immer noch nach schwindelerregenden Summen. Doch das Verteidigungsministerium erhält 2026 einen Etat von mehr als 80 Milliarden Euro, mit Zuwächsen von über 30 Prozent – das Sondervermögen kommt noch hinzu. Warum alle diese trockenen Zahlen anstatt einer fröhlichen Geschichte zum lockeren Auftakt? =>

Der Große Schutzengel am Firmament

Chefredakteurin Susanne Borée, Februar 2024Leider war es in vielen Nächten dieses Altweibersommers allzu oft von dicken Regenwolken verborgen – mein neues persönliches Sternbild: der Große Schutzengel. Es begleitet mich seit dem Poetenfest in Erlangen, an dem ich erfahren habe, wie willkürlich die Bilder sind, die wir in den Sternen sehen. Eigentlich war ich dort Ende August zu Lesungen von Autoren, die für den Deutschen Buchpreis nominiert sind und die bald sicher mehr von sich hören lassen. Auch Gespräche und Diskussionen zu komplexen gesellschaftlichen Themen gab es, die etwa die ganze Problematik des Nahen Osten klären konnten. Nachdem dies jedoch real schwieriger scheint denn je, ich aber in meinem Urlaub oft zu den Sternen aufschaute, nun also zurück zu ihnen.=>

Was wir mit neuen Grenzen verlieren

Chefredakteurin Susanne Borée, Februar 2024„Werden wir an der Grenze Zeit verlieren?“ Diese Frage stellten wir uns vor unserem Urlaub auf dem polnischen Ostseeküsten-Radweg von Danzig zurück nach Usedom. Denn seit Monaten häuften sich die Meldungen über verschärfte Kontrollen im Osten. Die Realität war unspektakulär: Der Zug fuhr an der Grenze nur etwas langsamer. Und zurück auf dem Europa-Radweg entlang der Ostsee hinter Swinemünde war die Grenze zwar markiert, doch standen dort nur auf polnischer Seite drei Grenzer in ein Gespräch vertieft. Nun gut, wir haben jetzt nicht stundenlang auf einen Einsatz dort gewartet, doch waren viele Radler mit schwerem Gepäck unterwegs. Also leere Symbolpolitik? =>