Der beschwingte Song zum Schluss lädt zum Mitklatschen ein. Auch die Missgeschicke der „Flüchtigen Bekannten“ in einer Heilanstalt der 1970er Jahre – aufgeführt auf der Bühne des Freilandtheaters Bad Windsheim – erheitern. Wie komisch, die Menschen, die sich ihre eigene Wirklichkeit erschaffen haben! Doch plötzlich bleibt das Lachen im Hals stecken. Denn die vermeintlich Verrückten wirken wieder erstaunlich menschlich. Sie sehnen sich nach Anerkennung, nach Freiheit, nach einem Platz, an dem sie angenommen werden. =>
Vom Wert der Dinge: Die Zukunft passt in keine Kiste
Nach vielen Jahren waren sie plötzlich wieder gefragt: unsere Tischtennisschläger. Die hatten wir doch noch! So erinnerte ich mich. Und ich jagte ihnen nach – auf unserem Dachboden, der auch noch abends glühte wie ein Backofen. „Ob ich das noch brauchen kann?“ Vor einigen Wochen, Anfang Juni, verneinte Inge Wollschläger an dieser Stelle die Frage. Damit hat sie einen Nerv getroffen, der tiefer reicht als jede Ordnung: Wenn wir entscheiden müssen, was bleiben darf oder gehen soll, dann geht es oft um mehr als bloße Objekte:Sie helfen manchen Erinnerungen wieder auf die Sprünge. =>
Wegweiser zum wahren Licht
„Ich muss weniger wichtig werden“: Wann haben Sie einen solchen Satz zuletzt gehört? Die Botschaften unserer Zeit klingen anders. Sie werben für Sichtbarkeit, Einfluss und Selbstverwirklichung. Johannes der Täufer setzte dagegen: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Joh 3,30). Nun, an den hellsten Abenden des Jahres, steht sein Gedenktag – Johannis – an. Dieser Satz provozierte nicht nur zu seiner Zeit: Jemand, der seine Wirkung selbst in den Schatten stellt erscheint schnell als eine Person, der es an Selbstbewusstsein mangelt. Wer sichtbar bleiben will, muss immer glanzvoller im Mittelpunkt stehen. Und vor allem an der eigenen Marke weiter arbeiten. Der Täufer hatte bereits Profil gewonnen – als etwas verwahrloster, aber asketischer Rufer in der Wüste. =>
Kartenspiel der Ideen zur Kirchennutzung
Von „B“ wie „Bienenstöcke aufstellen“ bis „Y“ wie Yoga-Matten ausrollen reicht das Alphabet der Ideen. Das Kartenspiel „Kirche Frei“ der Stiftung KiBa zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler schlägt darin kreative, bisweilen provozierende Ideen für Gotteshäuser vor, die immer seltener genutzt werden. Viele Kirchen haben schließlich genug Platz zum Tanzen und für Sport. Oder sie können als Kinosaal und Begegnungsort dienen. Die Ideen sind sicherlich originell: Aber möchte ich wirklich zur nächsten Sitzung meines Kirchenvorstandes mit diesem Kartenspiel in der Hand aufkreuzen? Schließlich sind Gotteshäuser nicht nur Gebäude – sie sind aufgeladen mit Geschichte, Glauben und Identität. Und doch werden sie allzu oft nur wenige Stunden pro Woche genutzt. Hier liegt die Herausforderung: zwischen Bewahrung und Aufbruch neue Wege zu finden. … =>
Immer mehr sehen – und immer weniger spüren
Vor grauem Hintergrund kniet ein Beobachter. Die Kamera im Anschlag, sein Blick auf das gerichtet, was er festhalten will: eine unscheinbare Blume. Nur ihre Blüte gibt diesem Graffito des Straßenkünstlers Banksy Farbe. Um sie besser zu erfassen, zieht der „Kameramann“ an ihrem Stängel. Ganz scheint er in dieser einen Berufung aufzugehen. Nach Ostern war ich einige Tage in Madrid unterwegs. Zwischen den großen Zeugnissen vergangener Blütezeiten führte mich mein Weg auch in das „Banksy“-Museum. In einer ehemaligen Garage sind dort seine Werke als lebensgroße Reproduktionen zu sehen – eingebettet in nachgebaute Straßenszenen. Ein Ort, der Blicke verändert. =>
Beharrliches Unkraut kehrt zum Leben zurück
Bald kommt er wieder – der Löwenzahn in unserer Einfahrt! Dessen bin ich gewiss! Zwischen den Fugen schiebt er immer wieder seinen Halm empor – egal, was ich dagegen tue. Ob ich ihn mit dem Fugenkratzer zu Leibe rücke oder mit kochend heißem Wasser, das ist ganz egal. Irgendwo überdauert tief unter den Pflastersteinen seine Wurzel – und die Pflanze feiert nach einigen Wochen wieder fröhlich Auferstehung. Kein noch so harter Winter kann sie endgültig zerstören: Sie treibt im Frühjahr wieder aus. Oder vielleicht überdauern nur die Samen und es ist schon die x-te Generation, mit der ich wieder den Kampf aufnehme, sobald der Frühling beginnt? Ich weiß, ich könnte auch hochrüsten … =>
Am Ende allein – muss das sein?
„Einsamkeit vermeiden“ – das einfachste Rezept für eine halbwegs gutes Sterben, um nicht der kalten Logik der Apparate ausgeliefert zu sein, meint Medizinethikerin Alena Buyx. Welches medizinische Handeln ist noch sinnvoll oder verursacht zu viele Schmerzen. Da können die Angehörige für den Kranken sprechen. Ehepartner stehen inzwischen sowieso füreinander ein. Da hilft es, sich zuvor auch über die jeweiligen Vorstellungen an der Grenze ausgetauscht zu haben. Andere nahestehende Menschen lassen sich durch eine Vorsorgevollmacht in diese Aufgabe einsetzen. … =>
Rezept gegen das Hamsterrad der Hetze
Die Äpfel liegen vor mir auf dem Tisch, rund und still. Dabei tragen sie die Kraft der Jahreszeiten in sich: die hoffnungsvollen, leichten Frühlingsblüten und die Wärme des Sommers, die Erinnerung an den Tau des Morgens und die raue Rinde des Baums. Und den Glanz des Herbstes, den letzten Gruß der Sonne, bevor das Jahr sich schließt. Beim Schneiden steigt ein feiner Duft auf: süß und herb zugleich. Es riecht nach Kindheit und nach gedämpftem Licht. Die Früchte verlieren ihre Schale, doch ihr Wesen bleibt und zeigt sich nun unverhüllt. In der Mitte das Kernhaus, eine sternförmige Erinnerung daran, dass jedes Ende auch Anfang ist. =>
Trip ins Dickicht – zu den Grenzen des Erzählens
Will ich das lesen? fragte ich mich, als ich hörte, welches Buch in diesem Jahr den Deutschen Buchpreis gewonnen hatte. Dorothee Elmigers „Die Holländerinnen“ sei „ein faszinierender Trip ins Herz der Finsternis“, so die Jury. In diesem Buch folgt eine Gruppe Medienschaffender der Einladung eines angeblich bedeutenden aber ungenannten Theatermachers. Sie begeben sich auf die Spuren zweier holländischer Rucksacktouristinnen, die im mittelamerikanischen Urwald verschwunden sind – und verlieren sich selbst im Dickicht. „Eine beunruhigende Geschichte von Menschen und Monstren, von Furcht und Gewalt, von der Verlorenheit im Universum“ soll es sein, so die Ankündigung des Buches. … =>
Was können wir uns noch leisten?
Es ist der große Verlierer – ganz hinten am Ende des Alphabets: Das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Nach dem aktuellen Beschluss des Bundestages erhält es im Bundeshaushalt 2025 (der endlich verabschiedet wurde) rund 910 Millionen Euro und 2026 noch einmal gut 360 Millionen Euro weniger: Dann erhält es knapp zehn Milliarden: Der Etat ist im Vergleich zu 2024 um gut elf Prozent gesunken. Das klingt immer noch nach schwindelerregenden Summen. Doch das Verteidigungsministerium erhält 2026 einen Etat von mehr als 80 Milliarden Euro, mit Zuwächsen von über 30 Prozent – das Sondervermögen kommt noch hinzu. Warum alle diese trockenen Zahlen anstatt einer fröhlichen Geschichte zum lockeren Auftakt? =>
