Glaube an die Zukunft als Verbrechen

Buchcover: aktuelle Moltke-Biographie„Ich stehe hier nicht als Protestant, …, nicht als Deutscher – sondern als Christ und als gar nichts anderes“, so Helmuth James von Moltke Anfang 1945 vor dem Volksgerichtshof. Genau das aber warf ihm dessen berüchtigter Präsident Roland Freisler vor. Moltke schrieb anschließend seiner Ehefrau Freya, Freislers entscheidender Vorwurf sei gewesen: „Eines haben das Christentum und wir Nationalsozialisten gemeinsam, und nur dies eine: Wir verlangen den ganzen Menschen.“ Nicht die Beteiligung am Attentat auf Hitler legte man ihm zur Last. Sein Verbrechen bestand im Verständnis der Nazis darin, gemeinsam mit Gleichgesinnten über ein Deutschland nach Hitler nachgedacht zu haben – über einen Staat, der auf Recht, Menschenwürde und christlicher Verantwortung beruhen sollte. =>

Den Koffer für die letzte Reise packen

Palliativstation. Foto: epd/FWie begleitet man Angehörige am Lebensende? Ihr Sterben macht viele Menschen hilflos. Die Hospiz-Akademie in Nürnberg bietet regelmäßig Kurse zur „Letzten Hilfe“ an – auch online und mitten im Sommer. Judith Berthold und Judith Münch hielten ihn diesmal. 15 interessierte Frauen waren dabei. Viele packen ihren Koffer sorgfältig für den Urlaub: Kleidung, Medikamente, Lieblingsbuch. Doch was wäre besonders wichtig für die letzte Reise? Auf diese Frage läuft ein Onlinekurs zur „Letzten Hilfe“ hinaus. Dabei geht es nicht nur darum Gegenstände einzupacken: Es geht um Erinnerungen und Symbole, Wünsche und Ängste. Um dafür besser gerüstet zu sein, nehmen die Teilnehmerinnen des Kurses zunächst eine andere Reise auf sich: den Weg durch die letzten Stunden und Tage eines Menschenlebens. =>

Gegen den Strom der Gewohnheit

Pfarrerinnen Anna Polcková und Eva Oslikova aus der Slowakei beim GAW-Jubiläum„Jedes Tal hat seine eigenen Traditionen“, so erklärt Eva Oslikova das Lebensgefühl in der Slowakei. Ihr Heimatland sei „nicht groß, aber gebirgig“, ergänzt sie im Gespräch mit dem Sonntagsblatt. Dörfer und Regionen konzentrieren sich gerade auf ihre Täler, ergänzt die Pfarrerin. Nur wenige hunderttausend Mitglieder unter fünfeinhalb Millionen Einwohnern zählt die Evangelische Kirche A.B. in der Slowakei in dem eher katholischen Land. Ihre Gemeinden liegen verstreut zwischen der Hauptstadt Bratislava im Westen und den ärmeren Regionen im Osten. Die evangelische Kirche versucht da gemeinsame Identitäten zu schaffen. =>

Am „Versunkenen Ort“ neue Anfänge wagen

Pfarrerin Almut Klose am Llanquihue-See im Süden Chiles.Foto: privatWenn am Ufer des Llanquihue-Sees die Wolken tief über dem Wasser hängen und sich die schneebedeckten Vulkane auf der Oberfläche spiegeln, scheint die Welt bald hinter dem Horizont zu enden. Das indigene Volk der Mapuche nannte den See „Llanquihue“ – den „versunkenen Ort“. Für Almut Klose begann dort jedoch Neues. Nach dem Jubiläum der Frauenarbeit beim Gustav-Adolf-Werk (GAW) berichtete sie bei einem Online-Treffen mit dem Evangelischen Sonntagsblatt weiter über ihre neuen Horizonte. Vor drei Jahren zog die Pfarrerin aus dem schwäbischen Nürtingen in den Süden Chiles. Aus Liebe: Ihr Mann Pablo, ebenfalls Theologe, stammt aus Chile. Nach seinem Studium in Deutschland führte sein Weg zurück in die Heimat. Heute lebt die Familie mit ihren kleinen Kindern in einer weitläufigen Region aus Weideland, Vulkanen und Seen – und in einer Kirche, die bis heute von ihrer deutschstämmigen Vergangenheit geprägt ist. =>

Im Feuer der Sprache

Ingeborg Bachmann, wahrscheinlich in den 1960er-Jahren. Foto: epd/FSie wartete im Garten auf den nächsten Bombenhagel, nicht in den Kellern. Als Abiturientin will Ingeborg Bachmann in einem Sessel unter der ersten Märzensonne und versunken in Rilkes „Stundenbuch“ den Luftalarm ausgeblendet haben.  Dieses Jugendbild beschwört die Dichterin in ihrem „Kriegstagebuch“ herauf. Allein bereitete sich die 18-Jährige auf ihre Reifeprüfung vor – der Vater an der Front, die Mutter mit den jüngeren Geschwistern aufs Land geflüchtet. Nur sie blieb, um die Matura, das Abitur abzulegen: „Auch hier schaut es aus wie Weltuntergang. Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?“ =>

Unterwegs zum tragenden Glaubensgrund

Agnes von Kirchbach. Foto: BoréeZwischen zwei mittelalterlichen steinernen Wesen spannt sich am Portal der uralten Basilika Sainte-Marie-Madeleine ein unsichtbarer Bogen: Hier Jakob, der am Jabbok mit Gott ringt. Dort ein Zentaur, halb Mensch, halb Pferd, die Sehne seines Bogens gespannt auf das, was ihn lockt. Beide Figuren schauen einander ins Gesicht. Für Agnes von Kirchbach ist die Kirche, die über dem Ort Vézelay thront, kein Relikt aus ferner Vergangenheit. Regelmäßig ertastet sie neue Bedeutungsebenen im verwitterten Gestein. Und das nicht allein …  Die pensionierte Pfarrerin der Protestantische Kirche Frankreichs, die nun in dem uralten burgundischen Örtchen lebt, öffnet regelmäßig ihr Haus für einzelne Suchende oder ganze Gruppen. Zwölf bis 14 Gäste kann sie bei sich in Doppelzimmern unterbringen. „La Rencontre“ – die Begegnung – so lautet der eingängige Name ihres offenen Hauses: Dies umkreist ihr Anliegen. =>

Konflikte um die Kanzel

Austra Reinis. Foto: BoréeZwischen Flucht und Neuanfang, zwischen den Kontinenten, zwischen Kaltem Krieg und kirchlicher Hoffnung spannt sich das Leben von Austra Reinis. Beim Jubiläum der GAW-Frauenarbeit blickte sie eindrücklich und voller Energie zurück auf Jahrzehnte voller Umbrüche. Geboren wurde sie in den USA als Tochter lettischer Emigranten, die 1945 vor Stalins heranrückenden Truppen geflohen waren. Ihre Schulzeit verbrachte sie in Deutschland. Bei ihrer Ordination 1991 schien die Geschichte auf ihrer Seite zu sein: Die baltischen Staaten gewannen ihre Unabhängigkeit: Die Hoffnung auf einen kirchlichen Neuanfang nahm Gestalt an. Die Neugier „auf die lettischen Wurzeln“ führte sie dorthin zurück. Zunächst wirkte sie als Dorfpfarrerin unweit der Ostsee, 170 Kilometer westlich von Riga. Bereits 1975 waren in der Lettischen Evangelisch-­Lutherischen Kirche drei Frauen ordiniert worden. Weitere waren gefolgt. Doch nicht mehr lange … =>

Zwei junge Stipendiatinnen beim Gustav-Adolf-Werk – im Jubiläumsjahr der Frauenarbeit

Stipendiatinnen des Gustav-Adolf-WerksEs ist für sie ein „lebensveränderndes Ereignis“! Darin sind sich Linda Mae Nummert und Klára Cselovszky einig. Die beiden Studentinnen aus Estland und aus Ungarn wohnen seit einigen Monaten zusammen – obwohl sich ihre Wege in ihrer Heimat wohl nie gekreuzt hätten. Leipzig ist für beide zu einem Ort geworden, an dem neue Perspektiven wachsen. Das Gustav-Adolf-Werk bietet ihnen ein Stipendium in Deutschland an. Im Zoom-Gespräch mit dem Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern erzählten sie von ihren Erfahrungen „Wie wir die Welt anschauen“, das habe sich grundlegend geändert. So empfand es Klára Cselovszky. Linda Mae Nummert nickt: Solch eine Möglichkeit wahrzunehmen, das könne sie jedem Studierenden nur empfehlen. Zusammen mit fünf weiteren Menschen aus der Ökumene leben sie mehrere Monate in der Leipziger GAW-Zentrale zusammen. =>

Lebenssatte Botschaften „An die Zukunft“

Ausstellung im CPH zu "Lebenssatten Botschaften"Was bleibt von einem Leben im Rückblick? Welche Gedanken tragen, wenn die allermeiste Lebenszeit hinter einem liegt? Und was würde man den kommenden Generationen mitgeben wollen? Diesen Fragen geht die Ausstellung „Botschaften an die Zukunft“ nach – und findet Antworten, die berühren. Die Idee zu diesem Projekt stammt schon aus der Zeit vor der Corona-Pandemie, so Pfarrerin Sonja Dietel von der Evangelischen Altenheimseelsorge im evangelischen Dekanat Nürnberg im Gespräch mit dem Sonntagsblatt. Schon damals kam sie in ein „langes berührendes Gespräch“ mit einem älteren Herrn: Dieser vertraute ihr eine „Kostbarkeit“ zum Thema Frieden an, die wesentlich aus seinem Leben erwachsen war. „Leider wird sie niemand hören außer ihnen“, setzte er hinzu. … =>

Advent leuchtet in Zeiten des Wandels

Regionalbischöfin Gisela Bornowski. Foto: Borée„Ich brauche die Adventszeit jedes Jahr“, gestand Regionalbischöfin Gisela Bornowski im Gespräch mit dem Evangelischen Sonntagsblatt. Die Wochen vor Weihnachten, in denen Kerzen das frühe Dunkel durchbrechen, seien für sie der Moment, in dem die alte Zusage neu aufscheint: „Die Hoffnung auf Christus als Licht der Welt“, die die Vorweihnachtszeit bestimmt, wecke in ihr immer wieder neu „Begeisterung über Gottes Tun“. Es ist eine Kraft, die sie auch gerade jetzt trägt, da sich in der Kirche so vieles verändert. Während in dieser Jahreszeit wohl die Sehnsucht nach Geborgenheit und Zugehörigkeit in eng verbundenen Kreisen steigt, wirken manche ländliche Regionen oft stiller als früher. … =>