Die Orgel setzt ein, schwebend zunächst, dann schwungvoller. Das Lied „Auf, auf, mein Herz mit Freuden“ (EG 112) erklingt. Dann füllt es den Raum. Nach dem Vorspiel singt die Gemeinde von Freude, von Sieg, von neuem Leben. Es ist Ostermorgen. Doch während sich Melodie und Text entfalten, stellt sich unweigerlich eine Frage: Lässt sich davon wirklich singen – in einer Zeit, die von Kriegen und Krisen geprägt ist? … =>
Empor gehoben ins Licht
Seelchen, sorgsam gewickelt wie die Säuglinge. Dann wieder erscheinen sie als kleine Figürchen, die in stiller Andacht die Hände falten – während Engel sie vorsichtig emporheben. Hoch oben in den Chorfenstern der St. Jakobs-Kirche in Rothenburg ob der Tauber tauchen sie immer wieder auf: gerettete Seelen, klein und bloß, getragen ins Licht. Erstaunlich ist, wo diese Szenen spielen. Die Künstler arbeiteten für einen Ort, an dem kaum jemand ihre Details erkennen konnte. Die Fenster beginnen erst in zehn Metern Höhe und steigen bis auf siebzehn Meter hinauf. Lange bevor es Ferngläser oder Zoom gab, entfalteten die gotischen Glaskünstler dort oben dennoch ein Panorama der Hoffnung. … =>
Holz, das Hoffnung atmet
Es war mehr als eine Auftragsarbeit. „Es entwickelte sich im intensiven Gespräch“, erzählt die Holzbildhauerin Marion Jochner aus Oberammergau dem Sonntagsblatt. Daraus entstand ein Kreuz, das genau diese Handschrift des Dialogs trägt (rechts): kein leidender oder sterbender Jesus, sondern er scheint gerade davon herabzusteigen – und streckt den Betrachtenden einladend die Hand entgegen. Kein fernes Leiden, kein erstarrter Schmerz – sondern Bewegung. So gelang es Jochner, den Vorstellungen ihrer Gäste Form und Gestalt zu geben. Und sie entwickelte die Ideen weiter, die aus diesem Austausch entstanden. … =>
Den Geruch der Vergangenheit erschnuppern
Es beginnt kaum merklich. Ein Hauch von Weihrauch liegt in der Luft – und plötzlich öffnet sich das Hier und Jetzt zu längst vergessenen Szenen. Düfte wirken leise, aber nachhaltig. Ein Geruch genügt, und längst vergessene Bilder oder Gefühle kehren zurück. Auf diese unsichtbare Macht setzt die Ausstellung „Die geheime Macht der Düfte“ im Düsseldorfer Kunstpalast. Sie lädt zu einer Reise ein, bei der Geschichte nicht betrachtet, sondern gerochen wird. Der Mensch verfügt über mehr als 400 Geruchsrezeptoren und kann Tausende von Duftnuancen unterscheiden. Und doch gilt der Geruchssinn in der westlichen Kultur als der am meisten unterschätzte. Sehen und Hören dominieren unsere Wahrnehmung, während die Nase oft nur als Warnsystem dient. Die Ausstellung stellt diese Hierarchie auf den Kopf – und zeigt, dass Gerüche seit jeher Kultur, Religion, Macht und Erinnerung geprägt haben. =>
Gebauter Glaube – gemachte Geschichte
Als Friedrich Wilhelm III. (1797–1840) im Herbst 1825 Magdeburg besuchte, blickte er auf einen Dom, der mehr Ruine als Ruhmeszeichen war. Mauern waren verwittert, Dächer schadhaft: Spuren von Verwahrlosung überall. Während der napoleonischen Besatzung hatte das Gotteshaus als Militärmagazin gedient, teils sogar als Schafstall. Dabei soll ein einfacher Schäfer im 13. Jahrhundert die Erbauung des Magdeburger Doms möglich gemacht haben – so wurde es damals dem Preußenkönig erzählt. Seine Hütehunde fanden einen Schatz, den der Hirte dann selbstlos für den Dombau stiftete. Der Beweis: eine verwitterte Skulptur mit Hirten und Tieren, in denen sich sogleich die findigen Hunde entdecken ließen. Diese Geschichte appellierte an die Verantwortung für ein überzeitliches Werk. Damit rannten die Magdeburger beim preußischen König offene Türen ein. … =>
Verborgener Glaube – offener Mut
Anfang 1526 betrat ein evangelischer Prediger die Stadt Villach. Er übernahm die Stadtpfarrkirche St. Jakob. Möglich gemacht hatte das Sigmund von Dietrichstein, Statthalter der innerösterreichischen Lande. Doch die Bürgerschaft hatte die Anstellung zuvor beschlossen. Die reformatorischen Gedanken waren vor 500 Jahren längst in Kärnten angekommen. Schon wenige Wochen nach Luthers Thesenanschlag hatte sich Georg Krainer aus Villach in Wittenberg als Theologiestudent eingeschrieben. Nach seiner Rückkehr wurde er evangelischer Pfarrer bei Villach. Reformation ist längst nicht nur ein fernes Echo zu einem runden Jubiläum – sie hatte Gesichter, Namen, Orte. Auch eine Delegation des Gustav-Adolf-Werkes (GAW) aus Leipzig konnte diese Spuren entdecken. … =>
Dunkle Seite der bunten Fenster und Altäre
Zwischen den hohen gotischen Fenstern, leuchtenden Farben und den weltberühmten Schnitzwerken Tilman Riemenschneiders überwältigt der Gesamteindruck der spätgotischen Rothenburger St. Jakobs-Kirche. Kaum jemand rechnet in dem erhabenen Gotteshaus mit Irritationen. Und doch sind sie da – verborgen in frommen Bildern. Für Tobias Göttfert sind sie unübersehbar: Der 27-jährige Rothenburger engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich in der Gemeinde. Als Kirchenführer steht er immer wieder vor denselben Altären und Fenstern. =>
Leise Zeugen zwischen Zerfall und Zukunft
Es gleicht einem Wiedersehen mit alten Bekannten: Das Überblickswerk „Spuren jüdischen Lebens in Bayern“ versammelt viele Projekte zum Judentum vor Ort aus den letzten Jahren: Die Inventarisierung von Grabsteinen auf dem Jüdischen Friedhof in Schopfloch. Die Aufarbeitung von sogenannten Genisa-Funden – also von zerschlissenen liturgischen Texten in hebräischer Sprache in alten Landsynagogen Frankens. Dieser schmale aber gehaltvolle Band krönt das Wirken einer Arbeitsgruppe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die sich seit 2021 – zu den Jubiläumsfeiern anlässlich von 1.700 dokumentierten Jahren jüdischen Lebens in Deutschland – um die reichhaltigen Spuren des Judentums in Bayern gekümmert hat. =>
Kokosnüsse, Kanonen und Karten
Energisch treibt er sein Dromedar an. Schließlich will der „Mammaluck“, ein Reiter der osmanischen Truppen, anno 1529 die Belagerung Wiens nicht verpassen (linkes Bild). Auch Nürnberger Landsknechte waren vor Ort. Als Kriegstrophäe brachten sie ein solches „Camel thier“ mit an die Pegnitz. Bei Hans Guldenmund konnten es alle für drei Pfennig besichtigen. Die Zeiten überdauert hat es als Druckblatt, dass Guldenmund ebenfalls verlegte. Es illustriert die weitreichenden Beziehungen Nürnbergs zwischen 1300 und 1600. Eine Sonderausstellung im Germanischen Nationalmuseum (GNM) zeigt bis zum 22. März, wie eng die Stadt bereits im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit vernetzt war … =>
Was bleibt, wenn alles ewig bleibt?
Digitale Zwillinge oder Avatare, also virtuelle Abbilder von Verstorbenen, eröffnen neue Möglichkeiten, Erinnerungen zu bewahren – und werfen zugleich tiefgreifende ethische, psychologische und ökonomische Fragen auf. Die Idee, mit einem geliebten Menschen sprechen zu können, auch wenn dieser längst tot ist, fasziniert viele und erscheint tröstlich. Gleichzeitig erscheint es als unheimlich, mit einer Person zu sprechen, die nicht mehr auf dieser Erde weilt: Die Stimme klingt vertraut. Warm, ruhig, ein wenig ironisch, wie immer. Sie erzählt Anekdoten aus einem längst vergangenen Urlaub – wie die Frau vor dem Bildschirm als kleines Mädchen bei einer Bergwanderung auf einer glitschigen Brücke dermaßen herumturnte, dass es fast in den kalten Bach gestürzt wäre. Gerade rechtzeitig konnte ihr Vater sie noch halten. … =>
