Ein Tor wird zur Schwelle, die Stadtmauer zum Bild für Grenzen, ein Garten zum Ort des Aufbruchs: Beim „Stadtpilgern“ in Rothenburg bekommen vertraute Orte eine neue Bedeutung. Wer sich auf die beiden neuen Pilgerwege einlässt, soll nicht neue Fakten über die historische Stadt erfahren. Vielmehr geht es darum, den eigenen Lebensweg neu in den Blick zu nehmen. Die Idee dazu brachte Maria Rummel vor anderthalb Jahren aus Frankfurt mit. Dort hatte die Pilgerbegleiterin und Referentin am Bildungswerk „Bildung evangelisch zwischen Tauber und Aisch“ erlebt, wie gut Pilgern auch mitten in einer hektischen Großstadt funktionieren kann. Warum also nicht in Rothenburg? Gemeinsam mit einem Team aus zehn engagierten Menschen entwickelte sie die Idee weiter: Sie widmeten sich ein ganzes Jahr lang diesem Projekt. Ortskenntnis und besondere Fähigkeiten kamen zusammen … =>
Nicht nur Tote kehren zurück – auch Lebende
An manchen Sommersonntagen kehrt das Leben nach Siebenbürgen zurück. Im deutschsprachigen Gottesdienst in der Klosterkirche von Schäßburg (Sighisoara) drängten sich im August 70 Menschen. Viele Besucher waren aus Deutschland oder Österreich in ihre alte Heimat zurückgekehrt. „Im Sommer kommen viele“, so Bezirksdechant (Dekan) und Stadtpfarrer Bruno Fröhlich. Zu Weihnachten seien es noch mehr. Draußen lag die mittelalterliche Altstadt im gleißenden Augustlicht. Die UNESCO erklärte sie 1999 zum Weltkulturerbe. Besuchergruppen drängen durch enge Gassen, vorbei an Mauern und Türmen, hinauf zur Bergkirche. Für Touristen ist Schäßburg ein begehbares Denkmal. Für andere ist es Heimat: ein Ort, den man verlassen kann, aber offenbar nicht einfach hinter sich lässt. =>
Die Schätze von Heltau
Der Schatz von Heltau war jahrhundertelang verborgen. Irgendwo in den mächtigen Mauern der Kirchenburg soll sich eine geheime Kammer befunden haben – zu öffnen nur mit einem verborgenen Mechanismus. Heltau, rumänisch Cisnadie, liegt neun Kilometer südlich von Hermannstadt (Sibiu). Die Stadt wurde im Mittelalter von Siebenbürger Sachsen geprägt und zählt heute rund 20.000 Einwohner. Ihr eigentlicher Schatz aber ist deutlich sichtbar: in den 32 Kindern und Jugendlichen zwischen sieben und 14 Jahren, die jeden Nachmittag nach der Schule in die „Arche Noah“ kommen. Viele leben in Familien, die mit sozialen Belastungen zu kämpfen haben. Die Einrichtung bietet ihnen einen geschützten Ort für einige Stunden – und oft mehr als das. Unterstützung für beide Orte kommt von derselben Adresse in Hermannstadt … =>
Suppe, Seelenheil und sozialer Sprengstoff
Jede Woche derselbe Speiseplan: Für die Bewohnerinnen und Bewohner des Windsheimer Spitals war Essen Teil eines streng geregelten Alltags. An vielen Tagen gab es Suppe. Fleisch immerhin sonntags und dienstags. Abwechslung bot diese Kost kaum –aber sie hatten da noch Glück. Denn die Qualität der Versorgung hing oft wesentlich von den jeweiligen Spitalleitungen ab. Manche wirtschafteten verantwortungsvoll, andere sparten am Essen oder bereicherten sich auf Kosten der Bedürftigen, wie der Historiker Alfred Stefan Weiß erläuterte. Wie eng Versorgung, Fürsorge und wirtschaftliche Zwänge zusammenhingen, zeigt die Sonderausstellung „Care“ im Kirchenmuseum Bad Windsheim (bis 11. Oktober). Damit und mit einem intensiven Symposium feiert das Kirchenmuseum Bad Windsheim sein 20-jähriges Bestehen und widmet sich zugleich der Geschichte von Fürsorge und Pflege. =>
Gefeierter Malerstar – unterwegs zur Tiefe
Zwei alte Männer blicken den Betrachter an. Der eine trägt eine schwere Goldkette über dem dunklen Gewand (Bild). Sein Gesicht ist von tiefen Falten durchzogen. Der andere Mann hält kraftvoll einen Schlüssel in der Hand. Auch in seinem Gesicht erzählen die Furchen von unzähligen Erfahrungen, Zweifeln und Entschlossenheit: Es ist Petrus. Auf den ersten Blick scheinen die beiden Gemälde eng verwandt: das dramatische Licht, die tiefen Furchen im Gesicht, die Konzentration auf die innere Haltung der Figur. Sie entstanden kurz nacheinander: im Jahr 1632, als Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606–1669) Amsterdam eroberte. Diese beiden Bilder gehören zu den spannendsten Werken der Rembrandt-Ausstellung im Kasseler Schloss Wilhelmshöhe. Sie verhilft zu neuen Einblicken in den Entstehungsprozess seiner Bilder. =>
Wie Verehrung Geschichte macht
Beim Wartburgfest 1817 zum 300. Geburtstag der Reformation brannten Freudenfeuer – und Bücher „undeutscher“ Autoren sowie Symbole der Obrigkeit. Martin Luther war zum Freiheitshelden geworden, zum Kämpfer gegen das fremde Joch Roms. Doch die Fürsten holten sich schnell die Deutungsmacht über ihn zurück: Bald schon stand er überlebensgroß und unnahbar auf Denkmälern. Im Wohnzimmer des Bürgertums fand er sich als Büste, auf Medaillen oder Nippes wieder. Aus einer historischen Persönlichkeit war eine Ikone geworden. „In Krisenzeiten und in Epochen großer Umbrüche gibt es ein besonders starkes Bedürfnis nach visionären Gestalten und Genies“, so Kuratorin Dr. Karin Rhein. Die Sonderausstellung „Genie, Idol, Star“ im Germanischen Nationalmuseum (GNM) widmet sich bis zum 6. September mit rund 180 Exponaten der Verehrung von 57 Promis. =>
Streifzüge zum Blättern und Staunen
Ein Torbogen öffnet den Blick zu vergangenen Generationen. Die gotischen Kirchtürme von St. Jakob blicken auf Feiern und den Alltag vieler Jahrhunderte herab. Und selbst die mächtigen Stadtmauern scheinen von längst vergangenen Kriegen und Umbrüchen berichten zu können. Wer durch Rothenburgs Gassen schlendert, kennt sicherlich das Gefühl, unterwegs zu sein auf einen Spaziergang durch die Vergangenheit: Nun nimmt ein farbenprächtiges aktuelles Buch die Leserinnen und Leser auf Streifzüge durch die Stadtgeschichte mit. „Kleine Geschichte einer großen Stadt“ lautet der Titel des griffigen Bandes. Wer eine trockene Chronik erwartet, wird schon nach wenigen Absätzen überrascht. Auf fast 300 Seiten entfaltet sich ein Streifzug durch die Vergangenheit Rothenburgs, der Geschichte nicht archiviert, sondern ihr neues Leben einhaucht. =>
Zwischen Kanzel und Krone
Paul Gerhardt schrieb nicht nur besinnliche oder sinnenfrohe Lieder – er stand auch inmitten eines erbitterter Kampf um Wahrheit, Macht und das richtige Verständnis des evangelischen Glaubens: Berlin, die Hauptstadt Brandenburg-Preußens, erschien bereits in den 1660er Jahren als eine gespaltene Stadt. Während die Bevölkerung überwiegend lutherisch betete, bekannte sich das preußische Herrscherhaus seit Generationen zum reformierten Glauben. Bereits Johann Sigismund, der Großvater des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, war vom Luthertum zum reformierten Bekenntnis übergetreten. Damit begann eine konfessionelle Spannung, die das Land jahrzehntelang prägen sollte: hier die reformierte „Hof- und Beamtenreligion“, dort die lutherisch-orthodoxe Mehrheit der Untertanen. =>
Zwischen Glaube und Gehorsam
„Eiskalt sind die!“ Selbst in diesen drei Worten hallt noch das Entsetzen nach. So beschreibt Marie Nicol 1941 in ihrem Tagebuch den Besuch einer Kommission der Heil- und Pflegeanstalt Erlangen im Diakoniedorf Rummelsberg. Als Ehefrau des damaligen Rummelsberger Rektors Karl Nicol erlebte sie das Ringen um die Überstellung von Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen und psychischen Erkrankungen in „Euthanasie“-Einrichtungen hautnah mit. Es war oft ein stiller und einsamer Widerstand: Auch engagierte Christen wie der Rummelsberger Brüderpfarrer Wilhelm Strohm glaubten, mit Hitlers Machtergreifung sei „das Reich Gottes aufgebrochen“. =>
Ein Gesang, der Verzweiflung herausfordert
Die Orgel setzt ein, schwebend zunächst, dann schwungvoller. Das Lied „Auf, auf, mein Herz mit Freuden“ (EG 112) erklingt. Dann füllt es den Raum. Nach dem Vorspiel singt die Gemeinde von Freude, von Sieg, von neuem Leben. Es ist Ostermorgen. Doch während sich Melodie und Text entfalten, stellt sich unweigerlich eine Frage: Lässt sich davon wirklich singen – in einer Zeit, die von Kriegen und Krisen geprägt ist? … =>
