Zwischen zwei mittelalterlichen steinernen Wesen spannt sich am Portal der uralten Basilika Sainte-Marie-Madeleine ein unsichtbarer Bogen: Hier Jakob, der am Jabbok mit Gott ringt. Dort ein Zentaur, halb Mensch, halb Pferd, die Sehne seines Bogens gespannt auf das, was ihn lockt. Beide Figuren schauen einander ins Gesicht. Für Agnes von Kirchbach ist die Kirche, die über dem Ort Vézelay thront, kein Relikt aus ferner Vergangenheit. Regelmäßig ertastet sie neue Bedeutungsebenen im verwitterten Gestein. Und das nicht allein … Die pensionierte Pfarrerin der Protestantische Kirche Frankreichs, die nun in dem uralten burgundischen Örtchen lebt, öffnet regelmäßig ihr Haus für einzelne Suchende oder ganze Gruppen. Zwölf bis 14 Gäste kann sie bei sich in Doppelzimmern unterbringen. „La Rencontre“ – die Begegnung – so lautet der eingängige Name ihres offenen Hauses: Dies umkreist ihr Anliegen. =>
Kartenspiel der Ideen zur Kirchennutzung
Von „B“ wie „Bienenstöcke aufstellen“ bis „Y“ wie Yoga-Matten ausrollen reicht das Alphabet der Ideen. Das Kartenspiel „Kirche Frei“ der Stiftung KiBa zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler schlägt darin kreative, bisweilen provozierende Ideen für Gotteshäuser vor, die immer seltener genutzt werden. Viele Kirchen haben schließlich genug Platz zum Tanzen und für Sport. Oder sie können als Kinosaal und Begegnungsort dienen. Die Ideen sind sicherlich originell: Aber möchte ich wirklich zur nächsten Sitzung meines Kirchenvorstandes mit diesem Kartenspiel in der Hand aufkreuzen? Schließlich sind Gotteshäuser nicht nur Gebäude – sie sind aufgeladen mit Geschichte, Glauben und Identität. Und doch werden sie allzu oft nur wenige Stunden pro Woche genutzt. Hier liegt die Herausforderung: zwischen Bewahrung und Aufbruch neue Wege zu finden. … =>
Konflikte um die Kanzel
Zwischen Flucht und Neuanfang, zwischen den Kontinenten, zwischen Kaltem Krieg und kirchlicher Hoffnung spannt sich das Leben von Austra Reinis. Beim Jubiläum der GAW-Frauenarbeit blickte sie eindrücklich und voller Energie zurück auf Jahrzehnte voller Umbrüche. Geboren wurde sie in den USA als Tochter lettischer Emigranten, die 1945 vor Stalins heranrückenden Truppen geflohen waren. Ihre Schulzeit verbrachte sie in Deutschland. Bei ihrer Ordination 1991 schien die Geschichte auf ihrer Seite zu sein: Die baltischen Staaten gewannen ihre Unabhängigkeit: Die Hoffnung auf einen kirchlichen Neuanfang nahm Gestalt an. Die Neugier „auf die lettischen Wurzeln“ führte sie dorthin zurück. Zunächst wirkte sie als Dorfpfarrerin unweit der Ostsee, 170 Kilometer westlich von Riga. Bereits 1975 waren in der Lettischen Evangelisch-Lutherischen Kirche drei Frauen ordiniert worden. Weitere waren gefolgt. Doch nicht mehr lange … =>
Hoffnung bleibt – auch wenn Licht ausgeht
Sie sah Senioren im Gottesdienst zusammenbrechen. Ihr Kreislauf versagte, da sie zuvor fünf, sechs Kilometer trotz des heißen kubanischen Wetters zu Fuß zur Kirche gekommen waren. Da zog Pfarrerin Liudmila Schnabel eine pragmatische Konsequenz: erst essen, dann beten. So begann sie die Sonntage mit einem soliden Frühstück für die Gläubigen. Beim 175. Jubiläums der Frauenarbeit im Gustav-Adolf-Werk (GAW) Ende April in Leipzig war sie mit dabei. Denn seit 2024 arbeitet Liudmila Schnabel als Pfarrerin im brandenburgischen Nauen. Sie ist verheiratet mit Dr. Patrick Roger Schnabel, damals Beauftragter für den Kirchlichen Entwicklungsdienst und Menschenrechte im Berliner Missionswerk. Inzwischen wirkt er bei der EKD. Die Heimat Liudmila Schnabels geriet aktuell erneut in die Schlagzeilen … =>
Vom Basar zur globalen Bewegung
„Nein, nicht einfach abschneiden!“ Nachhaltigkeit war selbst beim Auspacken ihres „Geschenks“ zum 175. Jubiläums der Frauenarbeit im Gustav-Adolf-Werk (GAW) Ende April in Leipzig wichtig: Die Clowninnen Gertrud und Matilde (alias Elke Markmann und Dr. Luise Metzler) begrüßten mit viel Witz und feinem Gespür für Zwischentöne die rund 130 Frauen und eine Handvoll Männer. Ihr sperriges Paket widersetzte sich zunächst beim Auswickeln hartnäckig allen Bemühungen. „Wer hat denn das verpackt?“, stöhnte Gertrud. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „Die Frauen vom GAW – sie sind gründlich.“ Ein Satz, der zugleich augenzwinkernd und anerkennend gemeint war. Denn dieser scheinbar lockere Auftakt zum Festprogramm verknüpfte hintersinnig Vergangenheit und Gegenwart, Feierlaune und weitere Impulse miteinander. =>
Immer mehr sehen – und immer weniger spüren
Vor grauem Hintergrund kniet ein Beobachter. Die Kamera im Anschlag, sein Blick auf das gerichtet, was er festhalten will: eine unscheinbare Blume. Nur ihre Blüte gibt diesem Graffito des Straßenkünstlers Banksy Farbe. Um sie besser zu erfassen, zieht der „Kameramann“ an ihrem Stängel. Ganz scheint er in dieser einen Berufung aufzugehen. Nach Ostern war ich einige Tage in Madrid unterwegs. Zwischen den großen Zeugnissen vergangener Blütezeiten führte mich mein Weg auch in das „Banksy“-Museum. In einer ehemaligen Garage sind dort seine Werke als lebensgroße Reproduktionen zu sehen – eingebettet in nachgebaute Straßenszenen. Ein Ort, der Blicke verändert. =>
Zwischen Glaube und Gehorsam
„Eiskalt sind die!“ Selbst in diesen drei Worten hallt noch das Entsetzen nach. So beschreibt Marie Nicol 1941 in ihrem Tagebuch den Besuch einer Kommission der Heil- und Pflegeanstalt Erlangen im Diakoniedorf Rummelsberg. Als Ehefrau des damaligen Rummelsberger Rektors Karl Nicol erlebte sie das Ringen um die Überstellung von Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen und psychischen Erkrankungen in „Euthanasie“-Einrichtungen hautnah mit. Es war oft ein stiller und einsamer Widerstand: Auch engagierte Christen wie der Rummelsberger Brüderpfarrer Wilhelm Strohm glaubten, mit Hitlers Machtergreifung sei „das Reich Gottes aufgebrochen“. =>
Zwei junge Stipendiatinnen beim Gustav-Adolf-Werk – im Jubiläumsjahr der Frauenarbeit
Es ist für sie ein „lebensveränderndes Ereignis“! Darin sind sich Linda Mae Nummert und Klára Cselovszky einig. Die beiden Studentinnen aus Estland und aus Ungarn wohnen seit einigen Monaten zusammen – obwohl sich ihre Wege in ihrer Heimat wohl nie gekreuzt hätten. Leipzig ist für beide zu einem Ort geworden, an dem neue Perspektiven wachsen. Das Gustav-Adolf-Werk bietet ihnen ein Stipendium in Deutschland an. Im Zoom-Gespräch mit dem Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern erzählten sie von ihren Erfahrungen „Wie wir die Welt anschauen“, das habe sich grundlegend geändert. So empfand es Klára Cselovszky. Linda Mae Nummert nickt: Solch eine Möglichkeit wahrzunehmen, das könne sie jedem Studierenden nur empfehlen. Zusammen mit fünf weiteren Menschen aus der Ökumene leben sie mehrere Monate in der Leipziger GAW-Zentrale zusammen. =>
Beharrliches Unkraut kehrt zum Leben zurück
Bald kommt er wieder – der Löwenzahn in unserer Einfahrt! Dessen bin ich gewiss! Zwischen den Fugen schiebt er immer wieder seinen Halm empor – egal, was ich dagegen tue. Ob ich ihn mit dem Fugenkratzer zu Leibe rücke oder mit kochend heißem Wasser, das ist ganz egal. Irgendwo überdauert tief unter den Pflastersteinen seine Wurzel – und die Pflanze feiert nach einigen Wochen wieder fröhlich Auferstehung. Kein noch so harter Winter kann sie endgültig zerstören: Sie treibt im Frühjahr wieder aus. Oder vielleicht überdauern nur die Samen und es ist schon die x-te Generation, mit der ich wieder den Kampf aufnehme, sobald der Frühling beginnt? Ich weiß, ich könnte auch hochrüsten … =>
Ein Gesang, der Verzweiflung herausfordert
Die Orgel setzt ein, schwebend zunächst, dann schwungvoller. Das Lied „Auf, auf, mein Herz mit Freuden“ (EG 112) erklingt. Dann füllt es den Raum. Nach dem Vorspiel singt die Gemeinde von Freude, von Sieg, von neuem Leben. Es ist Ostermorgen. Doch während sich Melodie und Text entfalten, stellt sich unweigerlich eine Frage: Lässt sich davon wirklich singen – in einer Zeit, die von Kriegen und Krisen geprägt ist? … =>
