Wenn aus Abschied Aufbruch wird

Regionalbischöfin Gisela Bornowski beim Sommerempfang„Ich hoffe nicht, dass der Erlöser lebt!“ Mit diesem Satz überraschte Motivationscoach Johannes Warth die Gäste von Regionalbischöfin Gisela Bornowski beim Sommerempfang im Rothenburger Wildbad. Er reagierte damit unmittelbar auf die Begrüßung der Gastgeberin. Nach einer kleinen Pause fügte der Festredner hinzu: „Nein, ich bin mir sicher.“ Anschließend sprach Warth von seiner Sehnsucht nach einer „frohlockenden Kirche“ – einer Kirche, die selbst froh ist und gerade deshalb Menschen anlockt. Wer Herausforderungen zuversichtlich angehe, eröffne Räume, in denen Zukunft entstehen könne. Wer dagegen von vornherein erwarte, dass ein Vorhaben ohnehin nicht zu schaffen sei, liefere sich leicht einer selbsterfüllenden Prophezeiung aus. Diese Sätze hallten an dem lauen Abend im Wildbad unter den rund 250 geladenen Gästen lange nach … =>

Glaube an die Zukunft als Verbrechen

Buchcover: aktuelle Moltke-Biographie„Ich stehe hier nicht als Protestant, …, nicht als Deutscher – sondern als Christ und als gar nichts anderes“, so Helmuth James von Moltke Anfang 1945 vor dem Volksgerichtshof. Genau das aber warf ihm dessen berüchtigter Präsident Roland Freisler vor. Moltke schrieb anschließend seiner Ehefrau Freya, Freislers entscheidender Vorwurf sei gewesen: „Eines haben das Christentum und wir Nationalsozialisten gemeinsam, und nur dies eine: Wir verlangen den ganzen Menschen.“ Nicht die Beteiligung am Attentat auf Hitler legte man ihm zur Last. Sein Verbrechen bestand im Verständnis der Nazis darin, gemeinsam mit Gleichgesinnten über ein Deutschland nach Hitler nachgedacht zu haben – über einen Staat, der auf Recht, Menschenwürde und christlicher Verantwortung beruhen sollte. =>

Den Koffer für die letzte Reise packen

Palliativstation. Foto: epd/FWie begleitet man Angehörige am Lebensende? Ihr Sterben macht viele Menschen hilflos. Die Hospiz-Akademie in Nürnberg bietet regelmäßig Kurse zur „Letzten Hilfe“ an – auch online und mitten im Sommer. Judith Berthold und Judith Münch hielten ihn diesmal. 15 interessierte Frauen waren dabei. Viele packen ihren Koffer sorgfältig für den Urlaub: Kleidung, Medikamente, Lieblingsbuch. Doch was wäre besonders wichtig für die letzte Reise? Auf diese Frage läuft ein Onlinekurs zur „Letzten Hilfe“ hinaus. Dabei geht es nicht nur darum Gegenstände einzupacken: Es geht um Erinnerungen und Symbole, Wünsche und Ängste. Um dafür besser gerüstet zu sein, nehmen die Teilnehmerinnen des Kurses zunächst eine andere Reise auf sich: den Weg durch die letzten Stunden und Tage eines Menschenlebens. =>

Gefeierter Malerstar – unterwegs zur Tiefe

Rembrandt Ausstellung in KasselZwei alte Männer blicken den Betrachter an. Der eine trägt eine schwere Goldkette über dem dunklen Gewand (Bild). Sein Gesicht ist von tiefen Falten durchzogen. Der andere Mann hält kraftvoll einen Schlüssel in der Hand. Auch in seinem Gesicht erzählen die Furchen von unzähligen Erfahrungen, Zweifeln und Entschlossenheit: Es ist Petrus. Auf den ersten Blick scheinen die beiden Gemälde eng verwandt: das dramatische Licht, die tiefen Furchen im Gesicht, die Konzentration auf die innere Haltung der Figur. Sie entstanden kurz nacheinander: im Jahr 1632, als Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606–1669) Amsterdam eroberte. Diese beiden Bilder gehören zu den spannendsten Werken der Rembrandt-Ausstellung im Kasseler Schloss Wilhelmshöhe. Sie verhilft zu neuen Einblicken in den Entstehungsprozess seiner Bilder. =>

Wie Verehrung Geschichte macht

Mutter Luise (1776–1810) erscheint dem verstorbenen Kaiser Wilhelm I. (1797–1888)Beim Wartburgfest 1817 zum 300. Geburtstag der Reformation brannten Freudenfeuer – und Bücher „undeutscher“ Autoren sowie Symbole der Obrigkeit. Martin Luther war zum Freiheitshelden geworden, zum Kämpfer gegen das fremde Joch Roms. Doch die Fürsten holten sich schnell die Deutungsmacht über ihn zurück: Bald schon stand er überlebensgroß und unnahbar auf Denkmälern. Im Wohnzimmer des Bürgertums fand er sich als Büste, auf Medaillen oder Nippes wieder. Aus einer historischen Persönlichkeit war eine Ikone geworden.  „In Krisenzeiten und in Epochen großer Umbrüche gibt es ein besonders starkes Bedürfnis nach visionären Gestalten und Genies“, so Kuratorin Dr. Karin Rhein. Die Sonder­ausstellung „Genie, Idol, Star“ im Germanischen Nationalmuseum (GNM) widmet sich bis zum 6. September mit rund 180 Exponaten der Verehrung von 57 Promis. =>

Gegen den Strom der Gewohnheit

Pfarrerinnen Anna Polcková und Eva Oslikova aus der Slowakei beim GAW-Jubiläum„Jedes Tal hat seine eigenen Traditionen“, so erklärt Eva Oslikova das Lebensgefühl in der Slowakei. Ihr Heimatland sei „nicht groß, aber gebirgig“, ergänzt sie im Gespräch mit dem Sonntagsblatt. Dörfer und Regionen konzentrieren sich gerade auf ihre Täler, ergänzt die Pfarrerin. Nur wenige hunderttausend Mitglieder unter fünfeinhalb Millionen Einwohnern zählt die Evangelische Kirche A.B. in der Slowakei in dem eher katholischen Land. Ihre Gemeinden liegen verstreut zwischen der Hauptstadt Bratislava im Westen und den ärmeren Regionen im Osten. Die evangelische Kirche versucht da gemeinsame Identitäten zu schaffen. =>

Wegweiser zum wahren Licht

Chefredakteurin Susanne Borée, Februar 2024„Ich muss weniger wichtig werden“: Wann haben Sie einen solchen Satz zuletzt gehört? Die Botschaften unserer Zeit klingen anders. Sie werben für Sichtbarkeit, Einfluss und Selbstverwirklichung. Johannes der Täufer setzte dagegen: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Joh 3,30). Nun, an den hellsten Abenden des Jahres, steht sein Gedenktag – Johannis – an.  Dieser Satz provozierte nicht nur zu seiner Zeit: Jemand, der seine Wirkung selbst in den Schatten stellt erscheint schnell als eine Person, der es an Selbstbewusstsein mangelt.  Wer sichtbar bleiben will, muss immer glanzvoller im Mittelpunkt stehen. Und vor allem an der eigenen Marke weiter arbeiten. Der Täufer hatte bereits Profil gewonnen – als etwas verwahrloster, aber asketischer Rufer in der Wüste. =>

Am „Versunkenen Ort“ neue Anfänge wagen

Pfarrerin Almut Klose am Llanquihue-See im Süden Chiles.Foto: privatWenn am Ufer des Llanquihue-Sees die Wolken tief über dem Wasser hängen und sich die schneebedeckten Vulkane auf der Oberfläche spiegeln, scheint die Welt bald hinter dem Horizont zu enden. Das indigene Volk der Mapuche nannte den See „Llanquihue“ – den „versunkenen Ort“. Für Almut Klose begann dort jedoch Neues. Nach dem Jubiläum der Frauenarbeit beim Gustav-Adolf-Werk (GAW) berichtete sie bei einem Online-Treffen mit dem Evangelischen Sonntagsblatt weiter über ihre neuen Horizonte. Vor drei Jahren zog die Pfarrerin aus dem schwäbischen Nürtingen in den Süden Chiles. Aus Liebe: Ihr Mann Pablo, ebenfalls Theologe, stammt aus Chile. Nach seinem Studium in Deutschland führte sein Weg zurück in die Heimat. Heute lebt die Familie mit ihren kleinen Kindern in einer weitläufigen Region aus Weideland, Vulkanen und Seen – und in einer Kirche, die bis heute von ihrer deutschstämmigen Vergangenheit geprägt ist. =>

Im Feuer der Sprache

Ingeborg Bachmann, wahrscheinlich in den 1960er-Jahren. Foto: epd/FSie wartete im Garten auf den nächsten Bombenhagel, nicht in den Kellern. Als Abiturientin will Ingeborg Bachmann in einem Sessel unter der ersten Märzensonne und versunken in Rilkes „Stundenbuch“ den Luftalarm ausgeblendet haben.  Dieses Jugendbild beschwört die Dichterin in ihrem „Kriegstagebuch“ herauf. Allein bereitete sich die 18-Jährige auf ihre Reifeprüfung vor – der Vater an der Front, die Mutter mit den jüngeren Geschwistern aufs Land geflüchtet. Nur sie blieb, um die Matura, das Abitur abzulegen: „Auch hier schaut es aus wie Weltuntergang. Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?“ =>

Streifzüge zum Blättern und Staunen

Horst F. Rupp bei der Vernissage zur "Kleinen Geschichte einer großen Stadt" Rothenburg. Foto: BoréeEin Torbogen öffnet den Blick zu vergangenen Generationen. Die gotischen Kirchtürme von St. Jakob blicken auf Feiern und den Alltag vieler Jahrhunderte herab. Und selbst die mächtigen Stadtmauern scheinen von längst vergangenen Kriegen und Umbrüchen berichten zu können. Wer durch Rothenburgs Gassen schlendert, kennt sicherlich das Gefühl, unterwegs zu sein auf einen Spaziergang durch die Vergangenheit: Nun nimmt ein farbenprächtiges aktuelles Buch die Leserinnen und Leser auf Streifzüge durch die Stadtgeschichte mit. „Kleine Geschichte einer großen Stadt“ lautet der Titel des griffigen Bandes. Wer eine trockene Chronik erwartet, wird schon nach wenigen Absätzen überrascht. Auf fast 300 Seiten entfaltet sich ein Streifzug durch die Vergangenheit Rothenburgs, der Geschichte nicht archiviert, sondern ihr neues Leben einhaucht. =>