Unsere Wirklichkeit – ein Irrenhaus?

Chefredakteurin Susanne Borée, Februar 2024Der beschwingte Song zum Schluss lädt zum Mitklatschen ein. Auch die Missgeschicke der „Flüchtigen Bekannten“ in einer Heilanstalt der 1970er Jahre – aufgeführt auf der Bühne des Freilandtheaters Bad Windsheim – erheitern.  Wie komisch, die Menschen, die sich ihre eigene Wirklichkeit erschaffen haben! Doch plötzlich bleibt das Lachen im Hals stecken. Denn die vermeintlich Verrückten wirken wieder erstaunlich menschlich. Sie sehnen sich nach Anerkennung, nach Freiheit, nach einem Platz, an dem sie angenommen werden.  =>

Vom Wert der Dinge: Die Zukunft passt in keine Kiste

Chefredakteurin Susanne Borée, Februar 2024Nach vielen Jahren waren sie plötzlich wieder gefragt: unsere Tischtennisschläger. Die hatten wir doch noch! So erinnerte ich mich. Und ich jagte ihnen nach – auf unserem Dachboden, der auch noch abends glühte wie ein Backofen. „Ob ich das noch brauchen kann?“ Vor einigen Wochen, Anfang Juni, verneinte Inge Wollschläger an dieser Stelle die Frage. Damit hat sie einen Nerv getroffen, der tiefer reicht als jede Ordnung: Wenn wir entscheiden müssen, was bleiben darf oder gehen soll, dann geht es oft um mehr als bloße Objekte:Sie helfen manchen  Erinnerungen wieder auf die Sprünge. =>

Suppe, Seelenheil und sozialer Sprengstoff

Referierende beim Kolloquium des KirchenmuseumsJede Woche derselbe Speiseplan: Für die Bewohnerinnen und Bewohner des Windsheimer Spitals war Essen Teil eines streng geregelten Alltags. An vielen Tagen gab es Suppe. Fleisch immerhin sonntags und dienstags. Abwechslung bot diese Kost kaum –aber sie hatten da noch Glück. Denn die Qualität der Versorgung hing oft wesentlich von den jeweiligen Spitalleitungen ab. Manche wirtschafteten verantwortungsvoll, andere sparten am Essen oder bereicherten sich auf Kosten der Bedürftigen, wie der Historiker Alfred Stefan Weiß erläuterte. Wie eng Versorgung, Fürsorge und wirtschaftliche Zwänge zusammenhingen, zeigt die Sonderausstellung „Care“ im Kirchenmuseum Bad Windsheim (bis 11. Oktober). Damit und mit einem intensiven Symposium feiert das Kirchenmuseum Bad Windsheim sein 20-jähriges Bestehen und widmet sich zugleich der Geschichte von Fürsorge und Pflege.  =>

Wenn aus Abschied Aufbruch wird

Regionalbischöfin Gisela Bornowski beim Sommerempfang„Ich hoffe nicht, dass der Erlöser lebt!“ Mit diesem Satz überraschte Motivationscoach Johannes Warth die Gäste von Regionalbischöfin Gisela Bornowski beim Sommerempfang im Rothenburger Wildbad. Er reagierte damit unmittelbar auf die Begrüßung der Gastgeberin. Nach einer kleinen Pause fügte der Festredner hinzu: „Nein, ich bin mir sicher.“ Anschließend sprach Warth von seiner Sehnsucht nach einer „frohlockenden Kirche“ – einer Kirche, die selbst froh ist und gerade deshalb Menschen anlockt. Wer Herausforderungen zuversichtlich angehe, eröffne Räume, in denen Zukunft entstehen könne. Wer dagegen von vornherein erwarte, dass ein Vorhaben ohnehin nicht zu schaffen sei, liefere sich leicht einer selbsterfüllenden Prophezeiung aus. Diese Sätze hallten an dem lauen Abend im Wildbad unter den rund 250 geladenen Gästen lange nach … =>

Glaube an die Zukunft als Verbrechen

Buchcover: aktuelle Moltke-Biographie„Ich stehe hier nicht als Protestant, …, nicht als Deutscher – sondern als Christ und als gar nichts anderes“, so Helmuth James von Moltke Anfang 1945 vor dem Volksgerichtshof. Genau das aber warf ihm dessen berüchtigter Präsident Roland Freisler vor. Moltke schrieb anschließend seiner Ehefrau Freya, Freislers entscheidender Vorwurf sei gewesen: „Eines haben das Christentum und wir Nationalsozialisten gemeinsam, und nur dies eine: Wir verlangen den ganzen Menschen.“ Nicht die Beteiligung am Attentat auf Hitler legte man ihm zur Last. Sein Verbrechen bestand im Verständnis der Nazis darin, gemeinsam mit Gleichgesinnten über ein Deutschland nach Hitler nachgedacht zu haben – über einen Staat, der auf Recht, Menschenwürde und christlicher Verantwortung beruhen sollte. =>

Den Koffer für die letzte Reise packen

Palliativstation. Foto: epd/FWie begleitet man Angehörige am Lebensende? Ihr Sterben macht viele Menschen hilflos. Die Hospiz-Akademie in Nürnberg bietet regelmäßig Kurse zur „Letzten Hilfe“ an – auch online und mitten im Sommer. Judith Berthold und Judith Münch hielten ihn diesmal. 15 interessierte Frauen waren dabei. Viele packen ihren Koffer sorgfältig für den Urlaub: Kleidung, Medikamente, Lieblingsbuch. Doch was wäre besonders wichtig für die letzte Reise? Auf diese Frage läuft ein Onlinekurs zur „Letzten Hilfe“ hinaus. Dabei geht es nicht nur darum Gegenstände einzupacken: Es geht um Erinnerungen und Symbole, Wünsche und Ängste. Um dafür besser gerüstet zu sein, nehmen die Teilnehmerinnen des Kurses zunächst eine andere Reise auf sich: den Weg durch die letzten Stunden und Tage eines Menschenlebens. =>

Gefeierter Malerstar – unterwegs zur Tiefe

Rembrandt Ausstellung in KasselZwei alte Männer blicken den Betrachter an. Der eine trägt eine schwere Goldkette über dem dunklen Gewand (Bild). Sein Gesicht ist von tiefen Falten durchzogen. Der andere Mann hält kraftvoll einen Schlüssel in der Hand. Auch in seinem Gesicht erzählen die Furchen von unzähligen Erfahrungen, Zweifeln und Entschlossenheit: Es ist Petrus. Auf den ersten Blick scheinen die beiden Gemälde eng verwandt: das dramatische Licht, die tiefen Furchen im Gesicht, die Konzentration auf die innere Haltung der Figur. Sie entstanden kurz nacheinander: im Jahr 1632, als Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606–1669) Amsterdam eroberte. Diese beiden Bilder gehören zu den spannendsten Werken der Rembrandt-Ausstellung im Kasseler Schloss Wilhelmshöhe. Sie verhilft zu neuen Einblicken in den Entstehungsprozess seiner Bilder. =>

Wie Verehrung Geschichte macht

Mutter Luise (1776–1810) erscheint dem verstorbenen Kaiser Wilhelm I. (1797–1888)Beim Wartburgfest 1817 zum 300. Geburtstag der Reformation brannten Freudenfeuer – und Bücher „undeutscher“ Autoren sowie Symbole der Obrigkeit. Martin Luther war zum Freiheitshelden geworden, zum Kämpfer gegen das fremde Joch Roms. Doch die Fürsten holten sich schnell die Deutungsmacht über ihn zurück: Bald schon stand er überlebensgroß und unnahbar auf Denkmälern. Im Wohnzimmer des Bürgertums fand er sich als Büste, auf Medaillen oder Nippes wieder. Aus einer historischen Persönlichkeit war eine Ikone geworden.  „In Krisenzeiten und in Epochen großer Umbrüche gibt es ein besonders starkes Bedürfnis nach visionären Gestalten und Genies“, so Kuratorin Dr. Karin Rhein. Die Sonder­ausstellung „Genie, Idol, Star“ im Germanischen Nationalmuseum (GNM) widmet sich bis zum 6. September mit rund 180 Exponaten der Verehrung von 57 Promis. =>

Gegen den Strom der Gewohnheit

Pfarrerinnen Anna Polcková und Eva Oslikova aus der Slowakei beim GAW-Jubiläum„Jedes Tal hat seine eigenen Traditionen“, so erklärt Eva Oslikova das Lebensgefühl in der Slowakei. Ihr Heimatland sei „nicht groß, aber gebirgig“, ergänzt sie im Gespräch mit dem Sonntagsblatt. Dörfer und Regionen konzentrieren sich gerade auf ihre Täler, ergänzt die Pfarrerin. Nur wenige hunderttausend Mitglieder unter fünfeinhalb Millionen Einwohnern zählt die Evangelische Kirche A.B. in der Slowakei in dem eher katholischen Land. Ihre Gemeinden liegen verstreut zwischen der Hauptstadt Bratislava im Westen und den ärmeren Regionen im Osten. Die evangelische Kirche versucht da gemeinsame Identitäten zu schaffen. =>

Wegweiser zum wahren Licht

Chefredakteurin Susanne Borée, Februar 2024„Ich muss weniger wichtig werden“: Wann haben Sie einen solchen Satz zuletzt gehört? Die Botschaften unserer Zeit klingen anders. Sie werben für Sichtbarkeit, Einfluss und Selbstverwirklichung. Johannes der Täufer setzte dagegen: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Joh 3,30). Nun, an den hellsten Abenden des Jahres, steht sein Gedenktag – Johannis – an.  Dieser Satz provozierte nicht nur zu seiner Zeit: Jemand, der seine Wirkung selbst in den Schatten stellt erscheint schnell als eine Person, der es an Selbstbewusstsein mangelt.  Wer sichtbar bleiben will, muss immer glanzvoller im Mittelpunkt stehen. Und vor allem an der eigenen Marke weiter arbeiten. Der Täufer hatte bereits Profil gewonnen – als etwas verwahrloster, aber asketischer Rufer in der Wüste. =>