Verstrickungen sprengen Generationen

Leila Slimani und Isabel Allende NeuerscheinungenSehnsucht nach Unabhängigkeit – die französisch-marokkanische Bestsellerautorin Leila Slimani erzählt im zweiten Teil ihres vielstimmigen Familienepos von Aufbruch und Scheitern im postkolonialen Marokko um das Jahr 1968. So erzählt Leila Slimani in ihrem vielschichtigen Familien-Epos vom Streben nach Freiheit und vom Scheitern. Wie entsteht Wirklichkeit und Wahrheit? Der Wandlungsprozess der Geschäftsfrau Violeta in Isabel Allendes neuem Roman  hin zu einer engagierten Kämpferin, die sich offen an die Seite von Angehörigen Verfolgter stellt und eine Frauenorganisation gründet, bleibt schematisch. Violetas Briefe erscheinen als Monologe – gerade im Vergleich zu den vielen Stimmen um Aicha, die zeigen, wie Wahrheit von der jeweiligen Wahrnehmung der Betroffenen abhängt. =>

Grenzüberschreitende Perspektiven

Thomas Greif vom Rummelsberger Diakoniemuseum und einer der Organisatoren der Vernetzung. Foto: BoréeSeit Jahrhunderten stellten Menschen ihre Religion über ihre Heimat. Andere Regionen und Städte nahmen sie auf. Zehn evangelische Museen in Europa aus Bayern, Österreich, Frankreich, Ungarn, Slowenien, Rumänien und ein Museum in den USA gehen Migrationsgeschichten im Zusammenhang mit dem Protestantismus nach. Erste Arbeitsergebnisse stellten sie bei einer Tagung Mitte Oktober in Neuendettelsau in enger Zusammenarbeit mit Mission EineWelt vor. Die Tagung organisierten Carina Harbeuther von „Bildung evangelisch in Europa“ in Erlangen sowie Thomas Greif, der Leiter des Rummelsberger Diakoniemuseums. Die protestantische Perspektive „ist nicht engstirnig, sondern hat eine besondere Weite“, erklärte er das Anliegen der Vernetzung. Denn es erfordere Verknüpfungen über Grenzen hinweg. =>

Geistreiche und eigenwillige Übertragung

Darstellung vieler Worterfindungen Luthers in Wittenberg. Foto: ThiedeMartin Luther ist schuld. Auch an der manchmal verzwickten Großschreibung im Deutschen. Er führte es nämlich in seiner Bibelübersetzung ein, Hauptwörter groß zu schreiben – auch wenn sie sich nicht mehr am Satzanfang befanden. Allerdings verstand er darunter ‚wichtige Wörter‘ – es konnten auch Adjektive und Verben sein, die er besonders betonen wollte. Luther übersetzte das Neue Testament extrem schnell auf der Wartburg: Am 18. Dezember 1521 begann er. Und bei seiner Rückkehr nach Wittenberg Anfang März 1522 trug er bereits einen Entwurf der Übersetzung mit sich. Auf der Wartburg hatte er die Vulgata – die lateinische Bibelübersetzung – zur Hand, die noch auf den Kirchenlehrer Hieronymos Ende des 4. Jahrhunderts zurückgeht. Die Humanisten seiner Zeit hatten sich aber inzwischen wieder intensiv um den griechischen Urtext des Neuen Testamentes bemüht. … =>

Verstrickung oder gar Schuld?

Kunstvilla-Leiterin Andrea Dippel erklärt vor dem Webteppich „Begegnung“ (1937) von Irma Goecke die Ideen zur Ausstellung „Grauzonen“Um Anerkennung kämpfte sie mit allen Mitteln: Irma Goecke (1895–1976) lebte für die Kunst. Als Frau und wegen ihrer teils französisch-belgischen Herkunft hatte sie es nach 1918 und besonders nach 1933 doppelt schwer Fuß zu fassen. Irma Goecke wich in die Textilkunst aus (Bild oben). Sie sprengte als aktive Künstlerin das Frauenbild der Nazis. Dabei war sie von 1941 bis 1966 künstlerische Leiterin der Nürnberger Gobelin-Manufaktur.  andelten Irma Goecke und ihre Weggefährten verantwortungslos? Viele von ihnen hatten davon profitiert, dass für Förderung und Ankauf ihrer Werke Platz frei geworden war.  =>

„Achsenzeit“ drehte religiöse Ideen

„Der Prophet“ von Jakob Steinhardt im Berliner Centrum Judaicum (Detail). Foto: epd/F„Der Ursprung der Religion“ – einfach mal so erklärbar? Nein, schnell bestimmt nicht. Robert N. Bellah benötigt dafür in seinem gleichnamigen Buch rund 900 Seiten. Das erste Fünftel besteht aus einer intensiven Einleitung. Wörtlich geht der amerikanische Soziologe († 2013) zum Urknall zurück. Der Mensch ist in seinem Werk  eingebunden in die Entwicklung des gesamten Lebens. Ein Durchlauf durch die Evolution und tierische Verhaltensformen folgt: Spiel und Ritual ähneln sich dabei in ihrer Ausrichtung und ihrer entlastenden Funktion. Bellah interessiert sich da besonders für die normative Prägung der Gesellschaft. Dies geschieht nun durch eine religiöse, aber übergreifende und identitäts- stiftende Überzeugung. Sie wird durch gemeinsame Symbole und Riten gestärkt. Dann aber geschah der Umbruch … =>

Wer die Autorität in letzten Dingen hat

Daniel Schönwald (links) vom Landeskirchlichen Archiv und Daniel Burger vom Staatsarchiv Nürnberg führen in die Ausstellung ein. Hinter ihnen der Konflikt um die absolutistische Einmischung in Glaubensfragen. Foto: BoréeDurfte ein Landesherr mal eben so den Beichtvater wechseln? Die Frage erscheint uns heute in mehrfacher Hinsicht bizarr: Natürlich, wohl jeder darf es, wenn ein Vertrauensverhältnis zerrüttet ist – so die intuitive Reaktion, die wohl heute mehrheitsfähig wäre. Niemand! So die kirchliche Forderung im Markgraftum Ansbach vor 200 Jahren. In der aktuellen Ausstellung des Landeskirchlichen Archivs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zusammen mit dem Staatsarchiv Nürnberg nimmt dieser längst vergangene Streit fast eine Vitrine ein. Moment mal! =>

Heilig – verspielt – frei

Kruzifix von Tilman Riemenschneider, aus Würzburg 1515/20Vom Alptraum Karl Augusts von Hardenberg berichtet Martin Ott im Katalog der neuen Landesausstellung „Typisch Franken?“: Der Staatsreformer organisierte ab 1790 die Übergabe der Markgrafentümer Ansbach und Bayreuth an Preußen. Für ihn herrschte blankes Chaos in diesen fränkischen Territorien. Denn sie beherrschten für den Preußen kein einheitliches Territorium. Durchlöchert wie ein Schweizer Käse erschienen ihm selbst diese größeren Herrschaftsgebiete in Franken. Streubesitz anderer Herrschaften bis hin zu Reichsrittern, die gerade mal ein Dorf beherrschten, oder alle möglichen ausgegliederten Rechtskreise, die einander durchdrangen und überschritten, machten ihm sichtlich Mühe. =>

Gesänge vom Verlust des Garten Eden

Buchcover Afrikanische Literatur, Literaturnobelpreisträger GurnahZu fernen Horizonten bricht die Karawane auf – unter lauten Klängen von Trommeln und Hörnern. Von der Küste Ostafrikas reist sie ins Landesinnere zu den großen Seen: Es ist allerdings keine Reise in die Welt von Tausendundeiner Nacht – auch keine Entdeckungsfahrt: Arabisch geprägte Händler bringen den Kiswahili-Völkern und den Massai eiserne Spaten und Baumwollstoffe – zum eigenen Profit. Mit dabei: der heranwachsende Yusuf, von seinen Eltern zur Bezahlung ihrer Schulden an einen arabischen Händler übergeben. Wie er in dieser Welt seinen eigenen Rhythmus findet, das erzählt Abdulrazak Gurnah, Literaturnobelpreisträger von 2021, mit poetischer Kraft. In einer breit aufgefächerten Ballade besingt er in „Das Verlorene Paradies“ eine Welt im Umbruch. =>

Kirche durchdrang die Welt – und befreite

Sandrat: Allegorie auf den Westfälischen Frieden. Bild: akg (Detail)War es der große Sündenfall des Christentums, sich zu sehr auf die Staatsmächte zu verlassen? Wurden die christlichen Kirchen dadurch zu kleinen Kindern, die eher unter Aufsicht der weltlichen Herrn als himmlischer Gewalten spielten? Dies begann vor 1.700 Jahren, als Kaiser Konstantin das Christentum zur Staatsreligion erhob. Und vor 500 Jahren verließ sich Luther auf seinen Landesfürsten Friedrich den Weisen als Schutzherrn. „Bei der Bewertung von zwei Jahrtausenden Christentum im lateinischen Europa führt es aber in die Irre“ sich dieser Kritik anzuschließen, so Heinz Schilling gleich zu Beginn seines Werkes „Das Christentum und die Entstehung des modernen Europa“. =>

Von engen Klinikfluren zur weiten Küste

Internationales Filmwochenende mit reichen kulturellen Perspektiven online unterwegsIm ewigen Zwielicht eilt Rehana durch endlose Klinikflure. Ohnehin ist sie damit überfordert, ihre Familie und den Beruf unter einen Hut zu bringen. Die Szenen könnten einem Albtraum entsprungen sein, zumal Donnergrollen eines nahen Gewitters öfter im Hintergrund zu hören ist. Doch geht es um ihre Entscheidung: In dem gleichnamigen Film aus Bangladesch will sie als Assistenzprofessorin an einer medizinischen Hochschule Gerechtigkeit – nachdem sie zur Beinahe-Zeugin eines sexuellen Übergriffs ihres Vorgesetzten an einer Studentin wurde. Nicht nur sie ist zu neuen Ufern unterwegs … =>