Ist menschliche Schuld unausweichlich? Dieser Frage stellte sich Klaas Huizing im Rothenburger Wildbad. Dort hielt er am Buß- und Bettag im vergangenen Jahr bei der Fortbildung für Religionslehrende „Weltanschauungen im Gespräch“ den theologischen Abschlussvortrag. Wie können wir mit unseren Unzulänglichkeiten umgehen, obwohl wir ein tiefes Bedürfnis nach einem positiven Selbstbild haben? Diese Frage nach Verantwortung und Schuld gehört nicht nur zum Buß- und Bettag, sondern auch in die Passionszeit. Denn sie führt uns auf den Leidensweg Jesu, der „für uns“, also für unsere Verfehlungen in den Tod ging. Da ist es nötig, in jeder Biographie und an ihren Wendepunkten immer wieder neu zu klären, was darunter zu verstehen ist – wie auch die Passionszeit in jedem Kirchenjahr neu stattfindet. =>
Öffentlicher Disput ohne offenen Ausgang
Wie ließ sich die Reformation einführen, ohne ein Spielball der Unruhen auf den Straßen zu sein? Diese Frage trieb die Nürnberger Stadträte im Frühjahr 1525 um. Die Stimme der damaligen Reichsstadt hatte vor 500 Jahren Gewicht. Mit rund 40.000 Menschen war sie neben Köln eine der größten Städte im Deutschen Reich. Sie beherbergte die Reichskleinodien und präsentierte sie jährlich auf dem Hauptmarkt. Die Kaiser waren regelmäßig in ihren Mauern zu Gast – ebenso wie die Reichsversammlungen. Bereits vor dem Thesenanschlag Luthers hatte dessen ehemaliger Beichtvater und Vorgesetzter Johannes von Staupitz im Advent 1516 und in der Passionszeit 1517 öfter in der Kirche des Nürnberger Augustinerkonvents an der Sebaldus-Kirche gepredigt. Er schürte nicht mehr die Angst vor göttlichen Strafen, sondern wollte das Gewissen der Gläubigen entlasten. =>
Prächtige Kunst für problematischen Fürsten
Sie ist das größte Ausstellungsstück einer prunkvollen Schau: Die Moritzburg in Halle selbst, Sitz des örtlichen Kunstmuseums und nun der Sonderausstellung zur Frührenaissance. 1479 begann ihr imposanter Ausbau durch den jungen Ernst II., Erzbischof von Magdeburg. Als Elfjähriger kam er bereits Anfang 1475 in dies Amt. Denn er entstammte der Fürstenfamilie der Wettiner, deren Territorien an die Magdeburger Gebiete angrenzten. Damit war er der jüngere Bruder Friedrichs des Weisen (* 1463) . Da lohnt sich auch eine Beschäftigung mit ihm. =>
Geistliche Nahrung selbst für die Ärmsten
„Meine Eltern sind zu arm, mir eine Bibel zu beschaffen, und wir brauchen doch die Bibel, um Gottes Willen daraus zu lernen. Ich danke Ihnen daher vielmals, dass Sie so gütig gewesen sind, mir eine Bibel zu schenken! Ich will jetzt fleißig daraus lernen und Gottes Gebote mein Leben lang vor Augen und im Herzen behalten.“ So herzzerreißend schrieb die Schülerin Anna Barbara Barthin aus Barthelmesaurach bei Kammerstein. Im Dezember 1825 erhielt sie das lang ersehnte Geschenk rechtzeitig vor dem Weihnachtsfest. Der Centralbibelverein in Nürnberg, 1824 endlich gegründet, gab da gerade seine erste Ausgabe in einem neuen billigeren Druckverfahren heraus. Nach langen Mühen hatte er endlich vor genau 200 Jahren seine Arbeit aufnehmen können. =>
Bestimmen Verluste aktuelle Weltdeutung?
Alles wird besser! Habt nur noch ein klein wenig Geduld! In ein paar Jahren oder allerspätestens in der übernächsten Generation beginnt das Paradies auf Erden für alle! Jeder konnte gewinnen – was fiel da noch ins Gewicht, was verloren ging? Mit diesem Versprechen trat die Moderne an, so Andreas Reckwitz. Doch sie verdrängte den „Verlust“, so der Untertitel seines aktuellen Buches. Nun feiert er Auferstehung und hat sich in „Ein Grundproblem der Moderne“ verwandelt, so der Untertitel dieses Buches. Nach der Aufklärung sollte sich das Licht vernünftigen Denkens unaufhörlich ausbreiten. Die Industrialisierung bot immer mehr Infrastruktur und Güter an, die das Leben einfacher machten. … =>
Holprige Reime eines unruhigen Geistes
Erst wollte er unbedingt die Verehrung Marias als besondere Wunderheilerin durchsetzen – und ließ dazu die damalige Rothenburger Synagoge enteignen. Wenige Jahre später predigte er genauso engagiert für die Reformation! Was ist von solch einem Prediger zu halten? Seine Leidenschaften waren Johannes Teuschlein jedoch offenbar bitter ernst. Zum Wunderwirken Mariens verfasste Teuschlein eigens ein gereimtes Mirakelbuch in frühneuhochdeutscher Sprache. Der Theologe und Reformationshistoriker Gerhard Simon hat lange danach gesucht. Er fand endlich ein Druck-Exemplar in Krakau wieder. Dorthin lagerte es die Berliner Staatsbibliothek kriegsbedingt aus. Es hat keine Verfasserangabe. Doch es herrscht Einigkeit: Nur Teuschlein kann es gedichtet haben. =>
„Die jüdische Wunde“
Zwei betagte Herren befinden sich im angeregten Gespräch miteinander. Die Welt um sich herum scheinen sie völlig vergessen zu haben. Es könnte eine Alltagsszene sein – wenn diese beiden Männer nicht unschwer an ihrer Kleidung als orthodoxe Juden zu erkennen wären. Und mindestens die Kleidung des sitzenden Mannes deutlich abgewetzt zu sein scheint. Unter diesem Titelbild brachte der „Spiegel Geschichte 4/2019“ sein Heft „Jüdisches Leben in Deutschland“ heraus. Und Natan Sznaider beginnt sein aktuelles Buch „Die jüdische Wunde“ mit einer intensiven Besprechung dieses Bildes. Denn diese Szene mag „in Deutschland“ stattgefunden haben, doch ist sie wirklich repräsentativ für „Jüdisches Leben“ hierzulande – und für „Die unbekannte Welt nebenan“ (so der Untertitel des Spiegel-Heftes)? … =>
Bauernkrieg als Baby des Buchdrucks
Es braute sich schon länger etwas zusammen: Heilsverlangen und Höllenangst, neuartige Krankheiten und vielfältige Krisen einer Umbruchszeit, Naturkatastrophen und himmlische Wunderzeichen führten vor 500 Jahren dazu, dass die Unterdrückten gegenüber der herrschenden Ungerechtigkeit aufbegehrten. In seinem aktuellen Werk „Der Bauernkrieg. Ein Medienereignis“ stellt der Kirchenhistoriker ein umfassendes Bild der Umbrüche 1524/25 dar. Prophetische Warnungen vor diesem besonderen Unheilsjahr reichten teils eine ganze Generation zurück: Da nennt Kaufmann eine 1488 erschienene „Prognosticatio“ des Astrologen Johannes Lichtenberger: Orakel weisen für diesen auf kommendes Unheil hin – bevor sich Martin Luther überhaupt 1490 in die Mansfelder Lateinschule begab. … =>
Renovierte Religion – gelingt Erneuerung?
Als „Gefangene unseres Besitzes“ – so umreißt Erzbischof Urmas Viilma die Lage der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (EELK). Auf Englisch klingt es poetischer: „prisoners of our propriety“. Denn in dieser Sprache fand dies Gespräch im Tallinner Konsistorium statt. Doch prosaisch ist der Alltag: Weit verstreut liegen die evangelischen Gotteshäuser in vielen kleinen Dörfern und Weilern auf dem Land. Die Kirchen könne man nicht verkaufen – wer will sie schon haben? Sie müssen aber erhalten werden. Schließlich darf ein loser Dachziegel niemanden erschlagen. =>
Facettenreiches Estland erfahren
Welche ist denn meine Lieblingssprache? Im Estnischen Nationalmuseum in Tartu stand ich mit einem Mal vor dieser Frage. Dabei wollte ich auf meiner Tour durch Estland nur eine Eintrittskarte lösen! Mit einem Handgriff überwand die Ticketverkäuferin sämtliche babylonischen Sprachverwirrungen. Sie konnte auf der Eintrittskarte schier alle möglichen Sprachen freischalten: Ich musste nur den Code an die Erklärungstafeln halten, die längst nicht mehr aus Pappe oder Messing waren, sondern digital. Sofort war meine persönliche Übersetzung. „Englisch“, murmelte ich schüchtern. „Oder haben Sie auch Deutsch?“ „Was nun?“ Schließlich ist es einfach unmöglich, irgendetwas auf Estnisch zu verstehen. =>