Langer Atem gegen Ungerechtigkeit

Der Vorstand des Rothenburger Weltladens (von links): die Beisitzerin Gertrud Mielke-Wildermann, die zweite Vorsitzende Hedwig Plodeck und der erste Vorsitzende Axel Pauli.Foto: PrivatDie Welt kommt nach Rothenburg. Nicht nur als Touristen in die Tauberstadt, sondern der Weltladen schräg gegenüber der St. Jakobskirche versammelt faire Waren von Südamerika bis nach Südostasien. Neben fair produziertem Kaffee, Kunsthandwerk oder Kinderspielwaren finden sich dort auch Süßwaren, Seidentücher oder Stofftaschen. Gerade Touristen, die die St. Jakobskirche besucht haben, greifen gern zu dem Rothenburg Kaffee oder verschiedenen Sorten der Rothenburg Schokolade, die auch vegan erhältlich ist. Natürlich sind die Rohstoffe nicht an der Tauber angebaut, doch ein Bild des Plönlein macht die Sorten unverwechselbar. =>

Konsens statt Kampfabstimmung

Susanne Borée, Porträt, boree.de, Evangelisches Sonntagsblatt aus BayernKampfabstimmungen gab es nicht, auch kein eindeutiges „Ja“ oder „Nein“ bei Voten. Zwar konnten die Delegierten der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), die am 8. September zu Ende ging, orange oder blaue Zettel hochhalten, doch das waren „Tendenzkarten“. Orange hieß: „Ich werde warm mit dem Vorschlag.“ Die blaue Karte sagte aus: „Ich stehe dem Beschlussvorschlag noch kalt gegenüber.“ Oder: „Ich möchte einen wichtigen Einwand vorbringen.“ Beide Karten gleichzeitig, das galt nicht etwa als ein Unentschieden, sondern sagte aus, dass die Person eine Entscheidung oder die Diskussion abbrechen möchte. Das erscheint gewöhnungsbedürftig – wie auch so manche andere Rituale bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen. Ziel ist es jedoch, möglichst viele Gemeinschaften bei Entscheidungen mit ins Boot zu holen.  =>

Ringen um Dialog und Kritik zu Israel

Jerry Pillay, Generalsekretär des WCC in Karlsruhe
5 September 2022, Karlsruhe, Germany: WCC general secretary elect Rev. Prof. Dr Jerry Pillay speaking at an ACT Alliance event in the Networking Zone at the 11th Assembly of the World Council of Churches taking place in Karlsruhe, Germany from August 31 to September 8.

Die Sorge war groß: Erscheint der Ökumenische Rat der Kirchen zunehmend antisemitisch? Schließlich verbreite er das „Kairos-Palästina- Dokument“ weiter, so die Sorge jüdischer Repräsentanten. Dort fordern palästinensische Christen seit 2009, Israel wirtschaftlich, finanziell und militärisch zu boykottieren. Hinzu kommt die Wahl Jerry Pillays im Juni zum neuen Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK). Der Dekan der Fakultät für Theologie und Religion an der Universität Pretoria in Südafrika löst Anfang 2023 den scheidenden geschäftsführenden Generalsekretär Ioan Sauca ab. Das Problem: Pillay verglich 2016 nach einer Reise nach Israel und in die palästinensischen Gebiete die dortige Situation mit der Apartheid in Südafrika. =>

Geistreiche und eigenwillige Übertragung

Darstellung vieler Worterfindungen Luthers in Wittenberg. Foto: ThiedeMartin Luther ist schuld. Auch an der manchmal verzwickten Großschreibung im Deutschen. Er führte es nämlich in seiner Bibelübersetzung ein, Hauptwörter groß zu schreiben – auch wenn sie sich nicht mehr am Satzanfang befanden. Allerdings verstand er darunter ‚wichtige Wörter‘ – es konnten auch Adjektive und Verben sein, die er besonders betonen wollte. Luther übersetzte das Neue Testament extrem schnell auf der Wartburg: Am 18. Dezember 1521 begann er. Und bei seiner Rückkehr nach Wittenberg Anfang März 1522 trug er bereits einen Entwurf der Übersetzung mit sich. Auf der Wartburg hatte er die Vulgata – die lateinische Bibelübersetzung – zur Hand, die noch auf den Kirchenlehrer Hieronymos Ende des 4. Jahrhunderts zurückgeht. Die Humanisten seiner Zeit hatten sich aber inzwischen wieder intensiv um den griechischen Urtext des Neuen Testamentes bemüht. … =>

Einsatz gegen Unterdrückung und Not

Frank-Walter Steinmeier, Annette Kurschus, JewstratijDeutliche Worte fand Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schon bei der Begrüßung der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK oder WCC nach der englischen Bezeichnung World Council of Churches) in Karlsruhe am 31. August. Diesem Gremium gehören rund 4.000 Delegierte aus mehr als 350 Kirchen weltweit an. Steinmeier sprach vom „blasphemischen Irrweg der russisch-orthodoxen Kirche gegenüber ihren Glaubensbrüdern“. Gleichzeitig hoffte er, dass die in Karlsruhe anwesenden Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche die „Wahrheit über den brutalen Krieg mitnehmen“. So setzte der deutsche Bundespräsident schon zur Eröffnung der Vollversammlung des Weltkirchenrates ein deutliches Zeichen. Brückenbauen brauche Bereitschaft auf beiden Seiten des Ufers. Es könne nicht stattfinden, wenn eine Seite den Brückenpfeiler abreißt. Leider habe sich die russisch-orthodoxe „Kirchenführung mit dem Verbrechen des Krieges gemein gemacht“, bei der gar religiöse Stätten zerstört wurden. =>

Kultur genießen – Gesellschaft verwandeln

Methodist Youth Choir bei der ÖRK-Vollversammlung in Karlsruhe„Es hat sich doch gelohnt, dass wir uns aufgerafft haben“, hörte ich eine Frau hinter mir beim Konzert des „Methodist Youth Choir“ aus Indonesien. Die Sänger und Sängerinnen waren wirklich stimmgewaltig! Auf dem Karlsruher Marktplatz hatte die Badische Landeskirche eine Bühne aufgebaut, auf der sich viele internationale musikalische Gruppen für die Bevölkerung ein Stelldichein gaben. Samuel Koch sprach zusammen mit der Badischen Landesbischöfin Heike Klinghart über „Verletzbarkeiten“. Auch der zentrale Gottesdienst der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) zum „Tag der Schöpfung“ am 1. September fand dort öffentlich statt. Die Plätze waren beinahe so gefüllt wie an Weihnachten – viele Zuhörende mussten stehen. Auch dieses Angebot, nicht nur die kulturellen Veranstaltungen nahmen sie gerne an. … =>

Garten des Vergessens?

Garten des Vergessens, Ausstellung, Jüdisches Museum Fürth, Kurt Heilbronn„Die Arbeit stand bei meinem Vater immer im Vordergrund.“ So erinnert sich der Sohn Kurt Heilbronn. Dabei ist das Lebenswerk des väterlichen Botanikers und Naturwissenschaftlers Alfred Heilbronn (1885–1961) im türkischen Istanbul akut bedroht. Die aktuelle Ausstellung im Fürther Jüdichen Museum Franken in deutscher und türkischer Sprache erinnert an ein Stück vergessener Geschichte, als jüdische Akademiker und Intellektuelle im Nationalsozialismus Zuflucht in der Türkei fanden. Nun soll der Garten abgerissen werden. Die Pflanzen verwildern und vertrocknen, während um die zukünftige Nutzung gerungen wird. =>

Der Wind trägt tatsächlich ….

Susanne Borée, Porträt, boree.de, Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern„Es gleitet voran!“ Welch ein Glücksgefühl jedes Mal neu! Wieder einmal trägt mich der See, spüre ich den Luftzug in den Haaren! Das Segel ziehe ich nach hinten – der Wind greift tatsächlich danach! Wunderbar, er tut, was er soll! Der Brombachsee ist mein Sommerrevier. Gut erreichbar, beschattet vom Wald.

Die malerische Bucht ist so beschaulich, dass sie selbst der Wind nicht immer findet. Dann heißt es, Brett und Segel ins offene Gewässer zu ziehen. Hinauf, den Stand ausrichten und das Segel … –  nein, erst den Wind suchen: Das Segel senkrecht zum Brett nach  unten senken: Wohin dreht es sich? Dann führe ich das Segel nach hinten, bis der Wind nach ihm greift. Ist das Windsurfen nicht ein herrliches Gleichnis auf das Leben? 

Verstrickung oder gar Schuld?

Kunstvilla-Leiterin Andrea Dippel erklärt vor dem Webteppich „Begegnung“ (1937) von Irma Goecke die Ideen zur Ausstellung „Grauzonen“Um Anerkennung kämpfte sie mit allen Mitteln: Irma Goecke (1895–1976) lebte für die Kunst. Als Frau und wegen ihrer teils französisch-belgischen Herkunft hatte sie es nach 1918 und besonders nach 1933 doppelt schwer Fuß zu fassen. Irma Goecke wich in die Textilkunst aus (Bild oben). Sie sprengte als aktive Künstlerin das Frauenbild der Nazis. Dabei war sie von 1941 bis 1966 künstlerische Leiterin der Nürnberger Gobelin-Manufaktur.  andelten Irma Goecke und ihre Weggefährten verantwortungslos? Viele von ihnen hatten davon profitiert, dass für Förderung und Ankauf ihrer Werke Platz frei geworden war.  =>

„Achsenzeit“ drehte religiöse Ideen

„Der Prophet“ von Jakob Steinhardt im Berliner Centrum Judaicum (Detail). Foto: epd/F„Der Ursprung der Religion“ – einfach mal so erklärbar? Nein, schnell bestimmt nicht. Robert N. Bellah benötigt dafür in seinem gleichnamigen Buch rund 900 Seiten. Das erste Fünftel besteht aus einer intensiven Einleitung. Wörtlich geht der amerikanische Soziologe († 2013) zum Urknall zurück. Der Mensch ist in seinem Werk  eingebunden in die Entwicklung des gesamten Lebens. Ein Durchlauf durch die Evolution und tierische Verhaltensformen folgt: Spiel und Ritual ähneln sich dabei in ihrer Ausrichtung und ihrer entlastenden Funktion. Bellah interessiert sich da besonders für die normative Prägung der Gesellschaft. Dies geschieht nun durch eine religiöse, aber übergreifende und identitäts- stiftende Überzeugung. Sie wird durch gemeinsame Symbole und Riten gestärkt. Dann aber geschah der Umbruch … =>