Wie politisch darf und soll Kirche sein? Diese Frage beherrschte ausgesprochen und genauso unausgesprochen den 39. Evangelischen Kirchentag in Hannover. Schon im Vorfeld diskutierten gerade fromme Christen darüber, ob es sich noch lohnt, überhaupt zum Kirchentag zu fahren. Pastor Stefan Felber als Leiter des Gemeindehilfsbundes mit Sitz in Walsrode etwa riet in der Zeitschrift „idea“ schon vor dem 30. April davon ab. „Er stellt nicht mehr nur die legitime Vielfalt der Kirchen dar, sondern schließt die sündhafte, auch interreligiöse Vielfalt der Welt ein“, argumentierte er. Auf wertvolle Begegnungen und den Öffentlichkeitsanspruch der Kirchen verwies hingegen sein Diskussionspartner Andreas Dreyer. Zuvor schon gab es viel Kritik daran, dass etwa keine AfD-Mitglieder zu Veranstaltungen eingeladen worden waren. =>
Sinnlose Kämpfe und gnädige Bewahrung
Vor zehn Jahren fragten wir bei Ihnen nach Ihrem Rückblick auf das Kriegsende 1945. Viele werden sich erinnern. Damals lag es 70 Jahre zurück. Es erreichten uns viele Anrufe und Briefe. „Es ist das letzte Mal“, so dachten wir bereits damals, „dass wir die Gelegenheit dazu haben.“ Viele derjenigen, die uns vor zehn Jahren ihre Geschichten erzählten, weilen leider heute nicht mehr unter uns: Auch mindestens fünf Zeitzeugen aus dem Jahr 2015. So wollen wir einige Ihrer Erinnerungen nun weitertragen. Doch damals konnten wir uns überhaupt nicht vorstellen, dass der Krieg zurückkehrt! Manche der Erinnerungen, dass die Bauern etwa mit ihren Kindern unter Beschuss die Felder bestellen mussten, sind uns in den vergangenen drei Jahren in ähnlicher Form in der Ukraine wieder begegnet. =>
Beherzt zu höheren Horizonten aufbrechen
Schon wieder Kirchentag! Ja, sind denn bereits wieder zwei Jahre vergangen seit dem letzten Ereignis seiner Art – damals in Nürnberg? Nein, nur 23 Monate. Ungewöhnlich früh diesmal das Christenfest – bereits zum ersten Maiwochenende. Da der Maifeiertag diesmal ein Donnerstag ist, bietet sich der Brückentag am Freitag an, um ein langes Wochenende zu feiern. Hoffentlich hält so früh im Jahr das Wetter, damit er auch zu einem Straßenfest mitten im Herzen der niedersächsischen Hauptstadt wird! … =>
Wenn Zuversicht unter Feuer steht
Für ihn war es keine Überraschung – jedenfalls nicht rückblickend. Brigadegeneral Gerhard Klaffus benannte für die Jahre 2014 und 2022 Faktoren in Westeuropa, die den Eindruck von Schwäche und eines Kreisens um sich selbst hinterlassen konnten. Damit setzte er in seinem Vortrag vor der Konferenz der Evangelischen Militärseelsorgenden in Nürnberg Akzente. Vor acht Jahren griff Putin den Donbass und die Krim an sowie Anfang 2022 den Rest der Ukraine. Erinnern wir uns … =>
Mitschwingen im Tanz der Auferstehung
Wie kann man in einer Welt voller Leid, Gewalt und Unsicherheit noch an Auferstehung glauben? Die traditionellen Bilder vom leeren Grab oder himmlischem Leben wirken auf viele Menschen heute fern und schwer greifbar. Der Würzburger Theologe Klaas Huizing schlägt eine andere Deutung vor: Er sieht Auferstehung als lebendige Erfahrung von „unendlicher Resonanz“. Wie lassen sich diese poetischen Worte theologisch füllen? So beschreibt Huizing die tiefe Verbindung Jesu zum Leben – berührt durch Frequenzen, die Jesus in Christen auslöst. Das ist mehr als ein traditionelles Glaubensbekenntnis. Es ist ein Schwingungsraum, der sich immer neu auftut, wenn Menschen sich berühren lassen – von Liebe und Hoffnung, Schmerz oder Schönheit. =>
Entlarven aller Sicherheiten und Selbstbilder
Warum lässt Gott immer wieder Leid zu – selbst in der Bibel? Allein schon in der Geschichte von Kain und Abel verhindert er nicht den Brudermord, damit die Lesenden dadurch einen Erkenntnisprozess gewinnen, wie der Würzburger Systematiker Klaas Huizing aufzeigte. Nun gut, es ist eine mythische Erzählung, kein irgendwie gearteter historischer Bericht. Das trifft für Huizing natürlich genauso auf Hiob zu – allein schon durch die Rahmenerzählung der Wette Gottes mit dem Satan. Der Gerechte leidet absolut schuldlos. Die Reden Gottes aus dem Wetter (Hiob 38) bleiben „unbefriedigend“, so Huizing. Sie bieten keinen akzeptablen Grund für Hiobs Leiden … =>
Welchen Wert haben die Hilfen für die Schwächsten?
„Ich bin nur noch in der Kirche, weil ich die Arbeit der Diakonie weiter unterstützen will“, so habe ich es auch in meinem Freundeskreis mehr als einmal gehört. Da ist sie nicht allein. So verrate ich meiner Umgebung lieber mal nicht, dass diakonische Projekte nur zu einem äußerst geringen Teil durch Kirchensteuern finanziert werden. Bekanntlich leiden die kirchlichen Kassen selbst Not. Staatliche Zuschüsse wurden nicht angepasst. Die aktuelle Landessynode beschäftigte sich nun mit der Diakonie. Der zuständige Oberkirchenrat Stefan Blumtritt will ein „ähnliches Niveau“ der Unterstützung halten – es sei eine Frage der „Glaubwürdigkeit von Kirche“ solche Hilfen verlässlich weiterzuführen. =>
Kirche muss stören und sich einmischen
Mit Gottesdienst und Empfang ist am Sonntagabend in Augsburg die Frühjahrstagung der bayerischen evangelischen Landessynode eröffnet worden. Die bayerische Diakonie-Präsidentin Sabine Weingärtner rief in ihrer Predigt in der evangelischen St. Ulrichskirche das hohe Armutsrisiko auch in Bayern in Erinnerung. Derzeit sei jede vierte Frau im Rentenalter im Freistaat von Armut betroffen, ebenso wie jedes fünfte Kind, sagte sie. Die Kirche muss auch nach Überzeugung von Synodenpräsidentin Annekathrin Preidel und Landesbischof Christian Koppe eine heilsame Unruhestifterin sein … =>
Frauenleben „aus dem Schatten geholt“
Es fallen fremdartige Vokabeln wie „Bräutekurse“ oder „Veto-Paragraph“. Noch vor kurzem waren sie jeder bayerischen Pfarrfrau ein Begriff. Sie hatten bis Mitte der 1970er Jahre ihre Arbeit aufzugeben, wenn sie einen Pfarrer heirateten. Schließlich sollten sie dessen Arbeit ehrenamtlich mittragen und sich ganz in den Dienst der Gemeinde stellen. Viele mussten sich bereits erworbene Pensionsansprüche auszahlen lassen – obwohl ihr Ehemann vielleicht nur Vikar war. Das hinterließ Spuren, auch noch in den Interviews des „Arbeitskreises Frauenkirchengeschichte in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern“ (ELKB) … =>
Beherrsche ich meine Unzulänglichkeiten?
Ist menschliche Schuld unausweichlich? Dieser Frage stellte sich Klaas Huizing im Rothenburger Wildbad. Dort hielt er am Buß- und Bettag im vergangenen Jahr bei der Fortbildung für Religionslehrende „Weltanschauungen im Gespräch“ den theologischen Abschlussvortrag. Wie können wir mit unseren Unzulänglichkeiten umgehen, obwohl wir ein tiefes Bedürfnis nach einem positiven Selbstbild haben? Diese Frage nach Verantwortung und Schuld gehört nicht nur zum Buß- und Bettag, sondern auch in die Passionszeit. Denn sie führt uns auf den Leidensweg Jesu, der „für uns“, also für unsere Verfehlungen in den Tod ging. Da ist es nötig, in jeder Biographie und an ihren Wendepunkten immer wieder neu zu klären, was darunter zu verstehen ist – wie auch die Passionszeit in jedem Kirchenjahr neu stattfindet. =>
