Die Bibel und der Glaube sollten wieder mehr im Mittelpunkt stehen: Vor genau 350 Jahren sorgte diese Vorstellung für leidenschaftliche Diskussionen – gerade in der weltläufigen Handelsmetropole Frankfurt am Main. Bereits im Herbst 1675 hatte der dortige Pfarrer Philipp Jakob Spener (1635–1705) eine umfangreiche Denkschrift unter dem lateinischen Namen „Pia Desideria“ (Fromme Wünsche) in den Druck gegeben: Sie war bald Stadtgespräch. Und sie schien ihrer Zeit voraus zu sein: Denn sie trug schon die Jahreszahl 1676. Damals entfaltete sie richtig ihre Wirkung, weit über Frankfurt hinaus. Auch an anderen Stellen erscheint 1676 wie ein Wendejahr: Damals bündelten sich wie in einem Brennglas Wege zu einem neuen Glaubens- und Weltverständnis. =>
Nächstenliebe mit blinden Flecken
Ein halbwüchsiger Junge stiehlt Äpfel auf dem Markt, eine junge Diakonisse folgt ihm nach Hause. Dort findet sie eine verwahrloste Mutter mit zwei Kindern in Not. So ein historischer Film der Evangelischen Bildkammer, eine Abteilung des Landesvereins für Innere Mission in Bayern. Er trägt den Titel „Einer trage des anderen Last“. Auch die Polizei fügt sich in dieses Bild: Und dies dann noch, als der Jugendliche schließlich ein Fahrrad stiehlt. Sie erscheint als Freund und Helfer. Anstatt ihn zu bestrafen, bringt sie ihn in einer Fürsorgeeinrichtung unter. Dort lernt er das Schreinerhandwerk. Selbst seine Mutter wird wieder produktiv. Die jüngere Schwester erfährt Unterstützung in einer Kindertagesstätte. Später kann unser Jugendlicher die Werkstatt seines Lehrherrn übernehmen, dessen Tochter körperlich behindert ist. Aus Not wird Ordnung – alles gut. Irritierend bleibt da nur das Jahr, in dem der Film gedreht wurde. … =>
Zwischen Umarmung und Niederringen
Es ist für alle gleich – und für jeden unvergleichbar: das Ende des Lebens. Seit der Pestzeit zieht der Totentanz durch Europa. Immer wieder erinnert der Sensenmann daran, was niemand wissen will: Junge und Alte, Schöne und Hässliche, Mächtige und Schwache sind ihm gleichermaßen ausgeliefert – vom Kardinal bis zur ärmsten Kirchenmaus. „Und doch waren manche gleicher“, ergänzt Pfarrer Dr. Ulrich Schindler. Er nickt hinüber zu den prächtigen Grabplatten im Mortuarium des Heilsbronner Münsters. Sie erinnern an die Mächtigen vergangener Epochen: Rund 500 von ihnen, darunter Angehörige der Hohenzollern, fanden in diesem „Raum der Toten“ ihre letzte Ruhe. Ihre prunkvollen Grabplatten unter dem gotischen Gewölbe erzählen noch heute von ihrem Rang und Bedeutung – während andere namenlos vergingen. Der Kontrast ist dem Pfarrer bewusst. … =>
Franziskus – Freund oder Feind Luthers?
Seit Jahrhunderten wartet Franziskus am Himmelstor. So ein Witz Martin Luthers bei einer seiner Tischreden, die Konrad Cordatus aufzeichnete. Warum, fragte der Reformator, kommt der Heilige nicht hinein? Die Antwort: Franziskaner müssen immer zu zweit unterwegs sein – und Franziskus findet keinen Mitbruder aus seinem Orden, der ihn ins Paradies begleitet. So überliefert es Nicole Grochowina in ihrem Aufsatz über das Verhältnis von Reformation und Franziskanern. Dieser bittere Spott bringt das Franziskus-Bild der Reformation auf den Punkt. Luther bewunderte den Mann aus Assisi durchaus. Er sah in ihm einen Menschen, der Christus ernsthaft nachfolgte und „durch den Geist Gottes“ brannte. Und: Gerade deshalb nahm er den Orden ins Visier. =>
Die Reise geht weiter
Es ist ist ein ungewöhnlicher Aufbruch. Nach 22 Jahren als Gemeindepfarrer in Segringen hat Dr. Markus Roth im September 2025 sein Pfarramt verlassen. Nicht, weil er mit Kirche und Glauben abgeschlossen hätte. Im Gegenteil: Was ihn heute beschäftigt, kreist um Begegnung, Spiritualität und die Frage, wie Menschen ihren eigenen Weg zu Gott finden können. Nur die vertraute Form hat sich verändert. Denn bis 2028 ist Roth vom Pfarrdienst in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern beurlaubt. Auch die neue Freiheit verlangt Planung. Begonnen hat seine Leidenschaft für das Reisen vor mehr als 25 Jahren. Nach dem Theologiestudium war Roth aus Israel zurückgekehrt. Sein Mentor im Vikariat fragte ihn, ob sie gemeinsam nach Israel und Palästina reisen wollten. Im Mai 2000 ging es los. Zwölf weitere Reisen folgten. =>
Zwischen Mauern und Lebensfragen
Ein Tor wird zur Schwelle, die Stadtmauer zum Bild für Grenzen, ein Garten zum Ort des Aufbruchs: Beim „Stadtpilgern“ in Rothenburg bekommen vertraute Orte eine neue Bedeutung. Wer sich auf die beiden neuen Pilgerwege einlässt, soll nicht neue Fakten über die historische Stadt erfahren. Vielmehr geht es darum, den eigenen Lebensweg neu in den Blick zu nehmen. Die Idee dazu brachte Maria Rummel vor anderthalb Jahren aus Frankfurt mit. Dort hatte die Pilgerbegleiterin und Referentin am Bildungswerk „Bildung evangelisch zwischen Tauber und Aisch“ erlebt, wie gut Pilgern auch mitten in einer hektischen Großstadt funktionieren kann. Warum also nicht in Rothenburg? Gemeinsam mit einem Team aus zehn engagierten Menschen entwickelte sie die Idee weiter: Sie widmeten sich ein ganzes Jahr lang diesem Projekt. Ortskenntnis und besondere Fähigkeiten kamen zusammen … =>
Nicht nur Tote kehren zurück – auch Lebende
An manchen Sommersonntagen kehrt das Leben nach Siebenbürgen zurück. Im deutschsprachigen Gottesdienst in der Klosterkirche von Schäßburg (Sighisoara) drängten sich im August 70 Menschen. Viele Besucher waren aus Deutschland oder Österreich in ihre alte Heimat zurückgekehrt. „Im Sommer kommen viele“, so Bezirksdechant (Dekan) und Stadtpfarrer Bruno Fröhlich. Zu Weihnachten seien es noch mehr. Draußen lag die mittelalterliche Altstadt im gleißenden Augustlicht. Die UNESCO erklärte sie 1999 zum Weltkulturerbe. Besuchergruppen drängen durch enge Gassen, vorbei an Mauern und Türmen, hinauf zur Bergkirche. Für Touristen ist Schäßburg ein begehbares Denkmal. Für andere ist es Heimat: ein Ort, den man verlassen kann, aber offenbar nicht einfach hinter sich lässt. =>
Was trägt noch heute beim Start ins Leben?
„Was trägt mich?“. Diese Frage stellen heute auch Jugendliche, die kaum einen Bibeltext kennen. „Die religiöse Vorbildung der Kinder und Jugendlichen hat sich deutlich geändert“, beobachtet Sarah Schäfer. Natürlich brächten viele Schülerinnen und Schüler inzwischen „kaum etwas“ an religiöser Sozialisation mit – zugleich sei das Spektrum ihrer Erfahrungen breiter geworden. Für die Ausbildungsleiterin im Religionspädagogischen Zentrum (RPZ) Heilsbronn ist das kein Grund zum Klagen, sondern eine Chance: Wo Vorwissen fehlt, entsteht Raum für Fragen. Seit vier Jahren begleitet Schäfer am RPZ Religionspädagoginnen und -pädagogen – kurz Relpäds – im Vorbereitungsdienst und in der „Fortbildung in den ersten Dienstjahren“. =>
Die Schätze von Heltau
Der Schatz von Heltau war jahrhundertelang verborgen. Irgendwo in den mächtigen Mauern der Kirchenburg soll sich eine geheime Kammer befunden haben – zu öffnen nur mit einem verborgenen Mechanismus. Heltau, rumänisch Cisnadie, liegt neun Kilometer südlich von Hermannstadt (Sibiu). Die Stadt wurde im Mittelalter von Siebenbürger Sachsen geprägt und zählt heute rund 20.000 Einwohner. Ihr eigentlicher Schatz aber ist deutlich sichtbar: in den 32 Kindern und Jugendlichen zwischen sieben und 14 Jahren, die jeden Nachmittag nach der Schule in die „Arche Noah“ kommen. Viele leben in Familien, die mit sozialen Belastungen zu kämpfen haben. Die Einrichtung bietet ihnen einen geschützten Ort für einige Stunden – und oft mehr als das. Unterstützung für beide Orte kommt von derselben Adresse in Hermannstadt … =>
Unsere Wirklichkeit – ein Irrenhaus?
Der beschwingte Song zum Schluss lädt zum Mitklatschen ein. Auch die Missgeschicke der „Flüchtigen Bekannten“ in einer Heilanstalt der 1970er Jahre – aufgeführt auf der Bühne des Freilandtheaters Bad Windsheim – erheitern. Wie komisch, die Menschen, die sich ihre eigene Wirklichkeit erschaffen haben! Doch plötzlich bleibt das Lachen im Hals stecken. Denn die vermeintlich Verrückten wirken wieder erstaunlich menschlich. Sie sehnen sich nach Anerkennung, nach Freiheit, nach einem Platz, an dem sie angenommen werden. =>
